Eine Erzählung

Hallo Mensch!

 

Ich bins. (I bims)

Ach du meine Güte, geh bitte, komm jetzt hinter der Tür da hervor, das ist ja lächerlich, ich tu dir schon nichts!

Wovor fürchtest du dich eigentlich? Vor mir? Ernsthaft jetzt?

Hahahahaha, dass ich nicht lache. Geh komm schon, so furchterregend bin ich nun wirklich nicht! Ich meine es ja nur gut mit dir, lieber Mensch, deshalb komme ich dich besuchen. Lange habe ich zugesehen und abgewartet, was du so anstellst.

Alter Schwede, da ist schon so einiges passiert! Ich erinnere mich da zum Beispiel an eine Zeit, in der du es mit mir nicht leicht hattest. Vielleicht war ich ein wenig garstig zu dir und stellte dir Bewährungsproben.

Aber he, du hast die Säbelzahntiger als Menschheit doch überlebt! Na weißt, alles kann ich auch nicht managen, manche Dinge verselbständigen sich einfach. Es gab Opfer, auf beiden Seiten, das muss ich zugeben, aber dennoch, den Tiger mit den Hauern gibt es nicht mehr, dich schon!

Wenn ich es mir so recht überlege, gibt es eine Menge nicht mehr, aber du bist noch da. Hast du dich je gefragt, warum das so ist?

Oh prima, du wagst einen Blick auf mich! Das muss an meiner monotonen und beruhigenden Stimme liegen. Das tat dir immer schon gut. Ja ja, auch wenn du es nicht mehr weißt, aber wir zwei, wir können schon miteinander!

Du brauchst mich und ich brauche dich. Warum so überrascht? Was schaust du so blöd aus der Wäsche? Bist du wirklich so entfremdet, daß du mich nicht mehr erkennst?

Hallo? Noch wer da?

(Kleines Selbstgespräch mit mir selbst: es ist schlimmer als ich dachte).

Oida, was starrst mich so an?

Ah, ich verstehe schon, du hast Angst dein Verstand entgleitet dir und sie stecken dich in die Klapse.

Redest du dir gerade ein, daß ich nur ein Traum bin und du mit Sicherheit bald aufwachen wirst? Das wäre die plausibelste aller Erklärungen?

Nein, tut mir leid, das kann ich dir nicht bestätigen, da kannst du noch so verschreckt dreinschauen, das spielt es nicht. Ich bin leider real.

Warum ich ausgerechnet heute zu dir komme?

Hm, das ist eine gute Frage. Sag du es mir, kannst du es dir nicht selbst denken?

Und überhaupt wäre es sehr hilfreich, wenn du endlich hinter der Tür da hervorkommen würdest und wir offen und ehrlich Tacheles reden würden. Das wäre zeitsparend und müsste deinen Vorstellungen von Zeitmanagement sehr entsprechen.

Wie, du traust mir nicht?

Was soll ich schon machen?

Da fiele dir schon was ein? Ein Sturm oder Erdbeben? Oder eine Sintflut oder ein fieses Virus?

Das kannst du jetzt nicht ernst meinen, also bitte, das überlebt ihr in der Mehrzahl doch immer und die Welt rennt eben wie sie rennt. Gesteuert vom Mond und den Gezeiten, den Winden und Phänomenen, die es halt auf Erden gibt. Sei bloß froh, daß der Yellowstone friedlich schlummert!

Du weißt nicht was der Yellowstone ist? Jetzt sag einmal, wofür gibt es Bücher? Nur um sich die Zeit zu vertreiben oder sich zu amüsieren? Wozu schreibt ihr dann so viel, wenn ihr es nicht nützt!

(Kleines Selbstgespräch mit mir selbst: es ist noch viel schlimmer als ich dachte, vielleicht haben sie es doch verdient und ich habe sie zu lange gewähren lassen. Na ja, sie waren so vielversprechend, haben wirklich was auf die Reihe bekommen. War ich zu tolerant? Nein, nein, es hat sich doch bis vor Kurzem die Waage gehalten, irgendwie war ich in den letzten paar hundert Jahren nicht aufmerksam genug. Wurde es ihnen vielleicht zu leicht gemacht und ich zu verliebt in diese Menschen? Wenn ich es nun recht bedenke, lies ich sie eigentlich schon viel zu lange walten und erst die langfristigen Spätfolgen...Ich werde Informationen sammeln müssen, ob wir nicht doch den schlafenden Riesen wecken sollen, ein Roundup sozusagen).

Wo bist du hin Mensch?

Ze fix nochmal, in Gedanken versunken ist er mir entkommen. Denk nach, wohin könnte er sein?

Sortiere deine Gedanken:

Er hat Angst vor dir, also mir, also uns, wie auch immer.

Er ist Teil davon, weiß es, spürt es, realisiert es aber nicht wirklich.

Sein Verstand ist beengt, er will entfliehen, denn die Realität ist ihm zuwider.

Er hat Angst,

Er hat Angst.

Angst.

Ach du Scheiße!

Kein klares Denken mehr, nur mehr Flucht und Verteidigung vor der Ohnmachtsstarre. Und diese dürfte nach der Flucht nur eines bedeuten, nämlich Verteidigung!

Denk nach, denk nach, los komm schon, wohin könnte er sein?

Was hat er in der Hand, das beinahe irreparablen Schaden zufügen könnte?

Mist, verdammter! Ich wollte die Sache so unauffällig wie möglich über die Bühne bringen, jetzt entgleitet mir die Situation völlig. Wie konnte ich auch so töricht sein zu denken, diesen Konflikt alleine regeln zu können?

Ich brauche Hilfe.

 

Psst, he, du da, ja du.

Was? Ja ja, Ich bins. Ja freilich, es ist mir auch eine Freude dich zu treffen. Wie es mir geht? Na ja, den Umständen entsprechend würde ich sagen. Wie? Es ist mir natürlich auch eine große Ehre aber ich will jetzt nicht unhöflich sein und das freudige Treffen trüben, doch habe ich ein wenig Mist gebaut, es verbockt um genau zu sein.

Das scheint dir undenkbar? Danke für deine tröstenden Worte, aber ich brauche dennoch Hilfe.

Ich erkläre es dir kurz:

Ich habe einen Menschen verschreckt. Also nicht irgendeinen Menschen, sondern einen Menschen, der Einfluss hat und Macht, und ich dachte mir, na ja, wenn ich ihn überzeugen könnte, wären all unsere Probleme gelöst und bereinigt und wir gehen über in Phase XY, also die Phase, wo wir Neues mit Altem vereinen können, du weißt schon, zwecks des besseren Miteinanders, Differenzen beilegen und das Kräftemessen beenden.

Meine Gedanken lenkten mich ab und schwupps, weg war er, dieser Mensch!

Also bitte, du brauchst dich jetzt nicht so zu schütteln, hattest du eine bessere Idee?

Welche Reaktion ich mir wohl erwartet hätte? Ein wenig Respekt und Demut vielleicht??

Da brauchst jetzt wirklich nicht so dreckig zu lachen!

ICH WEIß JETZT WIRLICH NICHT WAS ES DA SO ZU LACHEN GIBT!

Na bitte, geht ja.

Mir ist nämlich nicht mehr nach Lachen zumute!

Hoppla, da ging wohl ein wenig mein Temperament mit mir durch.

Jetzt sieh mich nicht so vorwurfsvoll an. Es war ja nur ein kleiner Blizzard. Stehst ja noch, die Hütte vom Menschen auch noch, also bitte, rege dich jetzt nicht künstlich auf, ist ja nicht wirklich was passiert.

Was aber passieren könnte, wird viel schlimmer sein!

Hilfst du mir jetzt oder nicht?

Was du tun kannst? Mobilisiere alle Kräfte, sende Botschaften, verbreite die Nachricht an alle.

An wirklich alle? Ja freilich, warum glaubst du wecke ich dich mitten im Winter? Weil mir fad ist und ich einen Ansprechpartner suche?

Ob ich mir sicher bin? Natürlich bin ich mir sicher, es ist Zeit.

Und jetzt trödel nicht herum Linde, sonst wecke ich die Eichen, die sind da bestimmt nicht so zaghaft wie du!

Oh ja, richtig, die Nachricht die du senden sollst. Also spitz die Lauscher: „Wenn der Mensch in seiner Angst....jaja, dann tun sie sich schlußendlich doch zusammen, aber nicht so wie wir es wollen, sondern gegen uns, und damit das nicht passiert suche und finde ich sie und versuche sie zu überzeugen, daß das unser aller Untergang ist. In der Zwischenzeit sagst du Bescheid, das verschafft mir Zeit, sie zu finden. Und dann? Na dann überzeugen wir sie gemeinsam, oder sonst sind wir eh am Arsch allesamt.

Hast du einen besseren Plan?

 

 

Dachte ich mir schon. Und nun beeile dich, es geht nun endlich los!“

 

(großer Seufzer, rießen Pfhuuuuu)

 

Na dann, nun heißt es alles oder nichts.

Wo würde er zuerst hingehen? Zu seinem Stab natürlich. Also ab die Post!

Hui hui, was für ein Betrieb mitten in der Nacht. Faszinierend wie alle auf Befehl aus ihren Betten kriechen, wenn das Alphatier ruft. Das muss ich mir merken, die Effektivität ist beeindruckend!

Tschuldings kurz junge Dame, no no, da braucht es sie nicht so zu frösteln, ich will nur vorbei, um besser hören zu können. Bin auch schon wieder weg, aber ein wenig verdutzt ist ihr Gesichtsausdruck dennoch. Wie erfreulich, mein Charme wirkt selbst in diesem Loch noch!

Oh, er telefoniert! Bla bla, Kopfnicken, erneutes Kopfnicken, wieder bla bla aus der anderen Leitung. Nun, Entsetzen! Jetzt Ärger, der Schädel wird puterrot, den Blutdruck will ich mir jetzt gar nicht vorstellen! Und die Faust saust nieder, auf den Tisch, er sei nicht hysterisch oder betrunken, er wisse doch wohl was er gesehen hätte und sapperlot, morgen, Treffen bei dir, alle anderen hätten pünktlich zu erscheinen! Und wenn es nötig sein würde, mache er es ihm Alleingang! Tusch! Gespräch beendet, Hörer aufgelegt.

Er sieht mich an.

Unmöglich, seine Augen verengen sich, die Stirn in Falten, hat er mich gesehen?

Sein Mund öffnet sich und er blafft durch mich durch die fröstelnde junge Dame an: Flugzeug, jetzt, pronto!

Mit besorgniserregend rot angelaufenem Haupt stapft er entschlossen durch mich durch, als hätte ihn eine Tarantel gestochen. Kaum zu glauben, daß eben dieser Herr noch Minuten zuvor beinahe ein Lackerl in seiner Hose hatte im Gespräch mit mir!

Pfff, jetzt fühlt er sich wohl in seinem Element und sicher. Boahh, was für ein Gockel!

Wofür hält sich der Kerl eigentlich! Spaziert durch mich hindurch ohne mit der Wimper zu zucken und plustert sich auf, na warte, dir werde ich`s zeigen! So nicht mein Freund, nicht mit mir!

Oh, warum ist jetzt kein Licht mehr? Warum rennen alle so panisch kreuz und quer? War ich das etwa?

Na klar, mein Ärger, mein Temperament, die Situation. Was habe ich getan? Wo ist er? Ah da, oh, schau wie er rennen kann! Köstlich!

Nein, gar nicht köstlich, jetzt habe ich ihn in seiner Angst bestätigt ich unsägliche Närrin, die es doch eigentlich besser wissen müsste! Wie alt muss ich eigentlich noch werden, um schlauer zu sein? Grrrrr, da kannst du dich jetzt ärgern wie viel du willst, schwing die Hufe, um zu sehen, wohin er will.

Und reiß dich zusammen! Laß dich nicht so provozieren du alte Schachtel!

Er will fliegen, aber wohin und noch viel wichtiger, von wo? Ein Mann mir derart viel Einfluss fliegt sicher nicht Linie vom allerwelts Flughafen aus.

Privater Flughafen, wo bist du bloß? Wie viele von diesen Flughäfen kann man in so kurzer Zeit nur bauen, Himmel noch eins!

Oh, da blinkt es gewaltig und eine Schar Menschen rennt herum wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen, da bin ich richtig! Und da ist er auch schon, die Farbe seines Hauptes deutlich abgekühlt, er ist wieder in seinem Territorium.

Geschwind noch die Treppe hinauf gehuscht und ich bin drin.

Die Triebwerke starten, wir heben ab. Ich muss schon sagen, diese Flugzeuge sind wirklich nicht unkomfortabel. Gar nicht so ungemütlich hier drinnen, obwohl, der Treibstoff ist durchaus nicht in meinem Sinne, aber das können sie ja verbessern. Hach, was haben diese Menschen doch alles drauf! Ich kann mich noch gut an die Anfänge erinnern, wie waren sie da noch unbeholfen! Aber dieser Überlebenswille, meine Augen werden ganz feucht….Huch, was ist denn jetzt wieder? Ich muss mit dieser Tagträumerei endlich aufhören, damit verpasse ich immer Wesentliches im Moment! Kann dieses verdammte Ding nicht gerade aus fliegen, warum fühle ich mich so schummrig? Was geht hier vor?

Oh nein, oh nicht doch, bitte, anhalten! Was macht ihr da, das muss aufhören, jetzt sofort. Der Himmel gehört euch nicht allein. Was für ein Blutbad, die armen Zugvögel! Und ich kann nichts machen, bin hilflos, wie eine Maus in der Ecke. Abstürzen sollten wir, genau! Das geschähe diesem arroganten Trottel nur recht! Und dann überlebt er es bei meinem Glück noch und ist grantiger denn je!

Verwerfen, Schnapsidee.

Wir sind auch schon durch, ich hoffe, der Schaden ist nicht allzu groß. Verzeiht mir liebe Vögel, es tut mir so leid.

Jäh werde ich aus meiner Trauer geholt, denn da blärrt Er schon durch das gesamte Flugzeug, ob der Pilot denn seinen Flugschein im Lotto gewonnen hätte und was das Geruckel denn bitte solle, er müsse sich doch konzentrieren, es gehe schließlich um die nationale Sicherheit und da könne er sich keine Ablenkungen erlauben!

Na bitte geht’s noch? Er hat gar nicht geschnallt was da gerade passiert ist, es ist ihm komplett egal. Motzt nur unqualifiziert herum und hat von Tuten und Blasen keine Ahnung!

Ich bin (wieder einmal) fassungslos, sprachlos! Von tief unten spüre ich die Hitze in mir aufsteigen, sie kriecht an mir empor und mein Ärger ob dieser Arroganz wächst in Nanobruchteilen einer Sekunde. Oh was würde ich gerne mit dir Früchtchen machen, da fiele mir jetzt ganz spontan schon was ein, du Ausgeburt eines undankbaren Emporkömmlings!

Wer schreit da um Hilfe? Was ist denn nun schon wieder, uff, nicht einmal in Ruhe ärgern kann ich mich, verzapft dieses metallene Fluggerät schon wieder Unfug.

Mayday mayday schreit der Pilot in sein Kopfhörerdingsbums.

Bfhhhh, wie mühsam das doch ist.

Na bitte, geht doch, die Fluglage hat sich wieder stabilisiert, Maschine auf Kurs. Was sollte die Aufregung?

Moment, kann es vielleicht sein, daß ich schon wieder in meiner Wut…? Vielleicht hätte ich mich nicht erneut so aufregen sollen. Das muss ich besser machen in Zukunft, meine Gefühlswallungen besser unter Kontrolle bringen.

Merken: sobald diese Aufgabe erledigt ist, arbeite ich an meiner Wutkontrolle, versprochen!

Ui, wie blass alle aussehen!

Na sieh einer an, angspieben hat er sich, der Mister „Ich bin so super“.

Eine gewisse Schadenfreude kann ich an dieser Stelle wirklich nicht verleugnen.

Nun wünsche ich nach der Aufregung noch einen gemütlichen Flug, wohin die Reise auch gehen mag.

Wenigsten war nach dem Schrecken Ruhe im Flugzeug und nun landen wir. Ein Blick aus dem Fenster, kurzes Ausspähen der Vegetation unter mir: Wir sind in Russland!

Ich verstehe, er telefonierte mit ihm. Wie ich befürchtete, angesichts der gemeinsamen Bedrohung tun sie sich zusammen, was für Heuchler!

Landeklappen ausfahren, anvisieren, der Reifen berührt den Boden, einmal, zweimal, nun sind wir unten und ich heillos froh, aus diesem Unding wieder herauszukommen!

Oh lala`, was für ein Auflauf hier herrscht! So viele schwarze Autos, wie trostlos, schlimmer als bei einer Beerdigung! Na ja, vielleicht wird es ja auch eine, wenn ich weiterhin so unbeherrscht und unbesonnen reagiere.

Er steigt aus, nein, ich korrigiere, er schreitet mit breitem, selbstsicherem Grinsen die paar Treppen „seines“ Flugzeugs hinunter, wird empfangen von einem nicht minder breit lächelndem Ihm. Kurzes Händeschütteln, ein paar geflüsterte Worte, die ich leider nicht hören kann, dann verkriechen sie sich in ihren schwarzen Karossen und der Trauerzug nimmt Fahrt auf.

Mit mir im verborgenem Schlepptau!

Oida, wie breit können sich zwei Menschen auf einem Rücksitz überhaupt machen? Die Karosse ist doch breit genug für drei erwachsene Hintern hinten drin, aber die zwei Herren plustern sich derart auf und machen sich breit, daß ich mir vorkomme, wie eine Sardine in der Dose!

Ich weiß, liebe Sardinen, dafür könnt ihr nichts, aber nun kann ich euren toten Zustand besser nachvollziehen!

Ui, der Russische zieht skeptisch die rechte Augenbraue in d`Höh.

Hat er mich als super, inkognito, blinden, geheimen Passagierspion bemerkt?

Kurzer Blick zum Herren ihm gegenüber, dessen Schädel weißt ein gesundes rosa auf.

Nein, da muss ich wohl, meinen Gedanken nachhängend, wieder etwas verpasst haben.

Was wurde besprochen in der Zeit, in der ich mich über ihre Breitarschigkeit gedanklich ausgelassen habe?

(Erneute Notiz an mich: lass dich nicht so leicht ablenken, bleibe fokussiert!)

Bla bla bla.

Oha, sie reden ja über mich!

Hmhm, …gekommen in mein Zimmer…Blizzard…Flucht…Telefonat, und deshalb bin ich hier!

Und wieder flitzt die rechte Augenbraue des Russischen in d`Höh. Er glaubt ihm kein Wort!

Soso, du kleiner Wichtigtuer! Du glaubst also, er lügt?

Na warte, ich werde dich Lügen strafen und du wirst sehr schnell merken, wie recht der Hitzkopf neben dir hat!

Unglaublich, wie groß diese engstehenden Augen werden können!

Erschrocken blickt er um sich, sucht die Gefahr, die Bedrohung.

Ergriffen fasst er nach der Hand seines Mitfahrers auf der Rückbank der Karosse und in seinen Augen eindeutig Mitgefühl, Ergriffenheit, Verständnis, Angst.

Geh bitte, nicht schon wieder!

Nicht schon wieder dieser Blick, diese Angst, vor mir müsst ihr euch doch nicht fürchten!

Ufff, ich hab wahrlich kein Händchen für diese Menschen.

Jetzt umarmen sie sich auch noch, in ihrer Verzweiflung vereint, durch mich hindurch!

Das ist mehr, als ich ertragen kann, das ist so, so unbeschreiblich widerlich, mich graust ja direkt. Wäh, bitte, das will ja keiner sehen, ihr seids doch gstandene Monnsbülda und flennts da herum wie kleine Kinder und beansprucht doch jeder für sich die Weltherrschaft!

Reißt euch bitte, nur um meinetwillen, jetzt a bisserl zusammen, so kann das ja nichts werden, wenn ihr in eurem Selbstmitleid dermaßen zerfließt, nur weil ich euch ein wenig eure Grenzen aufzeige!

(Wiederholte Notiz an mich selbst: solche Hosenschisser habe ich noch nie erlebt).

Großes Händeschütteln, auf die Schulter klopfen, sie sind sich einig.

Das habe ich wieder super hinbekommen, sie fühlen sich in ihrer Angst bestätigt!

(Frage an mich selbst: bin ich der Sache eigentlich dienlich?).

Der schwarze Trauerzug an Staatskarossen hält und ich bin so schnell ich kann aus dem Auto draußen, denn mir fehlt die Luft zum Atmen!

Der Angstschweiß im Auto war schon unerträglich, doch die gegenseitige Beweihräucherung hat dem Ganzen dann doch die Krone aufgesetzt, so daß selbst die Stadtluft im Gegenzug wie eine sanfte Brise des Meeres daherkommt.

Mit dem Würgereiz immer noch kämpfend, schleppe ich mich den beiden wichtigen Herren hinterher.

Der Weg führt durch große, imposante Hallen, durch Flure und Gänge, die nur wenige sterbliche Menschen betreten haben.

Das leuchtet ein, denn nicht jeder gewöhnliche Zweibeiner ist dieser Räumlichkeiten auch würdig. Das ist nur jenen vorbehalten, die im Auto flennen, sobald ich Bhu sage!

Warum das nur mir auffällt, ist mir momentan noch ein Rätsel, aber bitte, ich werde auch hinter dieses Rätsel kommen.

Staatsmännisch schreiten die Herren voran, allesamt, nicht nur der Hitzkopf und der mit den Knopfaugen, sondern ihr gesamtes Gefolge, die Miene ernst, fest entschlossen.

Was mir durchaus Sorge bereitet, denn entschlossen wozu?

Gaaaanz weit hinten, ist ein Klock Klock zu hören.

Ein Holzbein kann es nicht sein, denn der Rhythmus wäre anders, nämlich nicht Klock Klock, sonder Klock Tritt, dann wieder Klock Tritt. Nein, es ist eindeutig Klock Klock.

Also kein Pirat auf unseren Fersen!

Wie was jetzt? Ein wenig Scherzen muss selbst in der dunkelsten Stunde erlaubt sein und das Klischee des Piraten mit dem Holzbein erheitert mich nunmal. Bin ja nicht schmähbefreit!

Das Klock Klock erweist sich als gewissenhafte Dame, mit Stift und Blatt bewaffnet, bereit, in ihren adretten Klock Klock Schuhen, Sämtliches niederzuschreiben, was diktiert wird.

Erstaunlich diese Geflissenheit, keiner der beiden Herren scheint mir wirklich geeignet, weibliche Bedürfnisse zu befriedigen. Sie wird schon ihre Gründe haben, derart hinterherzuhechten.

Hui, jetzt muss ich mich sputen, um den Anschluss an die Spitze nicht zu verlieren!

Angekommen in den Tiefen des Kaninchenbaus, wird eifrig nach Telefonhörern gegriffen und erstaunliche Überzeugungsarbeit geleistet. Vernetzt sind sie ja nicht schlecht, das muss ich ihnen schon lassen.

Das kann ich aber auch, ihr Gescheidlinge, nur nicht so fern jeder Erde, fern von allem natürlichen Leben, von den Menschen im Raum einmal abgesehen.

Hmm, ob die Linde wohl genügend Gehör findet? Ich sollte da mal nachfragen, aber dazu müsste ich zu einem Baum gelangen. Das ist hier in den Tiefen des Kaninchenbaus jedoch nicht möglich.

Was soll ich tun? Kontakt zu den Meinen aufnehmen und die Szenerie hier verlassen, wichtige Gespräche verpassen? Nein, das geht nicht, ich muss hier bleiben. Aber hier drinnen gibt es nichts Natürliches, außer Menschen, und mich natürlich.

Hahaha, super Wortspiel, außer mir, der Natur und den Menschen, hat was, finde ich irgendwie komisch.

Moment mal, was dachte ich da gerade? Außer mir und den Menschen…nichts Natürliches…um Kontakt aufzunehmen?

Du alte Närrin, na freilich, so kannst du die Linde kontaktieren!

Wer könnte dafür in Frage kommen? Wer wäre empfänglich, ohne gleich die Nerven zu schmeißen und panisch zu werden?

Mein Blick schweift durch den Raum.

Die zwei Top Akteure scheiden aus, allein mit welcher Inbrunst sie in ihre am Mund klebenden Telefonhörer brabbeln, macht sie unbrauchbar.

Wer steht da noch so aller herum?

Pfoa eh, wie kann man nur so miesepetrig aus der Wäsche schauen. Allesamt scheinbar ohne Gefühl, stehen herum, bereit Befehle zu empfangen, die mit Nichten die Meinen sind.

Die kannst vergessen, da hört keiner zu!

Mein Blick durchwandert den Raum und da, ja, jetzt habe ich dich! Kaust im verborgenem Eck an deinen Nägeln herum, rutscht voller Unbehagen auf deinem Sessel hin und her.

Klock Klock Frau, jetzt gehörst der Katz!

Und schwupps, stehe ich schon neben ihr, das Kauen und Rutschen wird mehr, jetzt beißt sie sich gleich die Finger ab!

Meine Liebe, kein Grund zur Sorge, es wird Ihnen kein Leid geschehen, sie sollen mir nur in einer winzig kleinen Angelegenheit behilflich sein.

Ihr Gesicht schwenkt in meine Richtung, sie blickt mich an.

Ihre Augen verraten sie, sie sieht mich!

Gut gewählt altes Haus, hast halt noch immer einen guten Riecher!

Meine Liebe, nicht erschrecken, Sie machen jetzt einen kurzen Ausflug für mich!

Große blaue Augen blicken mich ängstlich, wenngleich auch neugierig an und ich habe schon gewonnen!

Meine Liebe, ihre Augen sollen kurz die Meinen sein, keine Angst, niemand wird es bemerken, die sind ohnehin so sehr mit sich selbst beschäftigt, da fällt ihre kurze geistige Abwesenheit bestimmt nicht auf!

Das Kauen und Rutschen hört augenblicklich auf.

Wow, was für eine Frau!

Ich taste mich an sie heran, strecke meine Fühler aus, vorsichtig, um sie ja nicht zu verschrecken.

Es ist erstaunlich einfach, so gut wie kein Widerstand, nur etwas Furcht.

Braves Mädchen, nur die Ruhe!

„Linde? Linde! Lindeee!!“

Wo ist sie nur?

Sie wird ja wohl nicht wieder in den Winterschlaf verfallen sein, die alte Schachtel!

„Lindeeee! Wo steckst du?“

„Ja hallo? Wer spricht da?“

„Na, wer wohl, du Supergenie? Ich bins, wer denn sonst?“

„Wer spricht da bitte? Ich kenne diesen Anschluss nicht! Würden Sie mir bitte Auskunft erteilen und den Zweck Ihrer Kontaktaufnahme näher erläutern?“

Symbolisch sinkt mein Kopf gerade in meinen angewinkelten linken Arm, ich kann mich nur wundern und schüttele in dieser Haltung meinen Kopf.

Na wirklich, mit solchen Freunden, brauchst wahrlich keine Feinde mehr!

„Linde, ich bins, deine Chefin!“

„Oh, hallo! Jetzt erkenne ich dich erst! Hätte ja sonst wer sein können, da musste ich schon auf Nummer sicher gehen! Sag mal, wie verschlüsselt kommunizierst du neuerdings? Hättest nicht einfach einen Baum suchen können? Da hätten wir uns dies Theater ersparen können!“

„Nein, konnte ich nicht Linde!“

(Jetzt bin ich doch schon etwas ungehalten, das strapaziert meine Nerven doch etwas)

 „Linde, das Wie ist jetzt grad unwichtig! Wie geht der Plan voran?“

„Du meinst die Nachricht? Na ja, es geht schleppend. Weißt eh, die Hälfte ist im Winterschlaf, ein Großteil gerodet, ich tu was ich kann!“

„Wie viele hast du erreicht?“

„Wie gesagt, ich tu was ich kann. Aber viele sind skeptisch, weißt ja wie sie sind, diese alten Bäume.“

„Was heißt skeptisch? Was ist da los?“

„Na ja, du weißt schon, die alte Kritik eben. Daß du zu lange untätig warst und so weiter. Ich versuche natürlich sie zu überreden, aber sie sind eben stur.“

„Linde, ich sage es dir jetzt in aller Deutlichkeit und mit der nötigen Selbstbeherrschung, um unseren Verbindungsgrad nicht über die Maßen zu strapazieren, aber schwing jetzt die Hufe und erledige, was ich dir aufgetragen habe! Ansonsten wird jede weitere Unterredung nicht mehr möglich sein! Der Sturm braut sich nicht nur zusammen, er ist bereits da! Es ist nicht die Zeit für persönliche Befindlichkeiten alter Bonzen, wir müssen handeln, und zwar schnell!“

Betretenes Schweigen, ich höre es geradezu Rattern im alten Gehölz, dann die Antwort.

„Jetzt machst du mir Angst, noch viel mehr als vor dem Haus des leicht erregbaren Menschen. Aber ich habe verstanden, ich werde die Angelegenheit forcieren!“

„Danke Linde. Ich muss jetzt Schluss machen. Ich melde mich wieder, sobald ich kann. Enttäusche mich nicht, um unser aller Willen!“.

Langsam ziehe ich mich aus der Klock Klock Frau zurück und sie sieht mich dermaßen ergriffen an, daß es mir die Tränen in die Augen treibt! Ihr Blick durchbohrt mich geradezu, der Bleistift in ihrer Hand entgleitet ihr und fällt zu Boden.

Langsam, als würde die Zeit in sich schrumpfen und dann, klong, trifft Holz auf Beton, und ich kann die Mine im Inneren brechen hören.

Diesen Bleistift wieder fit zu spitzen, das wird keine leichte Aufgabe!

Habe ich jetzt den Moment ruiniert, mit meinen pragmatischen Gedanken?

Das tut mir leid, aber ist eine Mine erst im Inneren gebrochen, lässt sie sich unmöglich durch das Spitzen wieder reparieren, sie wird immer wieder brechen!

Zurück zum Klong und der Klock Klock Frau.

Sie fängt sich und hebt den Bleistift auf, als die Selbstverständlichkeit, die es ist, wenn einem der Bleistift aus der Hand fällt.

Niemand nimmt Notiz von dieser kleinen Episode, es fiel dieses banale Ereignis niemandem auf, aber die Klock Klock Frau und ich wissen es besser!

Kurz streife ich sie noch, zur Bestätigung und Anerkennung, ihr Blick spricht Bände!

Nun ist es aber wirklich wieder an der Zeit, mich den anderen Geschehnissen zuzuwenden, die sich im Raum zuspitzen!

(Wieder ein Wortspiel, ich kann über meine eigenen Scherze herzlich lachen).

Nach meiner Einschätzung hat sich währenddessen nicht wirklich was verändert. Immer noch hängen sie an den Telefonen und planen meinen Untergang.

Bis sich plötzlich die geheime Geheimtür des Kaninchenbaus öffnet und ein geschniegelter, eindeutig gelifteter, nicht altern wollender Herr ankündigt, mit breitgeöffneter Handhaltung, laut Tschau rufend.

Was ist denn jetzt das für ein seltsamer Kerl?

Er betritt den Raum, als wäre es eine Bühne!

Das Grinsen über beide Ohren könnte breiter nicht sein, verharrt er in seiner Position und erwartet die Begrüßung, die ihm seiner Meinung nach zusteht.

Ich muss versehentlich in einem Kabarett gelandet sein, denn zu meiner großen Überraschung bekommt er diese auch, denn Hörer werden fallen gelassen und nichts lieber tun sie, als sich in diese Arme fallen zu lassen!

Ich spiele währenddessen den Fischwalzer (was das heißt bitte googlen) und der Klock Klock Frau quellen die Augen förmlich aus dem Schädel.

Eifrig und einträchtig umarmen sie sich, klopfen sich auf die Schulter, was für ein harmonisches Trio!

Nachdem diese minutenlange, sehr befremdliche Begrüßungszeremonie vorüber ist und die Herren sich einigermaßen gefangen haben, spricht das geliftete Gesicht Worte:“ Ma ragazzi, insomma, non c’e` da preoccuparsi, facciamo a modo nostro, come al solito!“

Jessas, mir stellen sich zum ersten Mal in meinen Leben die Gänsefriegel vollzählig auf, ebenfalls scheine ich an einem akuten Bauchtiesel zu leiden. Mit anderen Worten, mir graust und mir ist schlecht!

Warum?

Habt ihr nicht gehört, was der Möchtegern Casanova gerade von sich gelassen hat?

Nein, natürlich nicht, er spricht in fremden Zungen, was aber nicht heißt, es sei nicht übersetzbar:

Er meinte, es gäbe keinen Grund zur Beunruhigung, schließlich würden sie das Problem schon nach ihren, bereits erprobten Methoden, lösen.

Der Phantasie allein seien nun die probaten Mittel überlassen, auf die zurückgegriffen werden möchte.

Außerstande etwas anderes zu tun als zu beobachten, da noch in Schockstarre, komme ich nicht umhin, das selbstgefällige Grinsen in allen drei Visagen sehen zu müssen. Ob dieses Anblickes fühle ich mich schlechter denn je, da ich derartigen Egoismus schlicht nicht für möglich hielt!

Daß ein neuer Löwenanführer in seinem Harem sämtliche Bälger seines Vorgängers eliminiert, ist schon hart am Limit meiner Toleranzgrenze, aber die Verschwörung dieser drei Herren stellt all meine Erfahrungen im Bereich des evolutionären Vorwärtskommens in den Schatten.

Diese Bereitschaft, zum Äußersten zu greifen, lähmt mich und lässt mich fassungslos, wie einen Statisten, danebenstehen.

Was kann ich tun? Was sollte mein nächster Schritt sein?

Nur so ganz nebenbei, wie genau stellen sich diese Herren ihren Plan nun vor? Glauben sie wirklich, mich durch Erpressung gefügig zu machen?

Das ist wirklich lächerlich, sie merken ja nicht einmal, daß ich hier alles mitbekomme und trotzdem gebärden sie sich, als hätten sie alles unter Kontrolle!

Irgendetwas passt hier nicht ins Bild, aber ich komm jetzt nicht drauf.

Bevor ich mich wieder einmal in meine Grübeleien verliere und die Zeit in ihrer Wahrnehmung viel schneller verrinnt als ich es empfinde, sollte ich mich doch auf ihre weiteren Handlungen konzentrieren, sonst sind schnell wieder ein paar Jahrhunderte vergangen und ich wache in einem womöglich noch böseren Alptraum auf, als in diesem hier!

Na dann schauen wir mal, was hecken diese drei Schlauberger nun wirklich aus?

Das geliftete Gesicht hat eindeutig das Zepter übernommen und redet beharrlich auf den Rest ein. Er schwafelt etwas von Ruhe, nichts überstürzen, worauf die anderen beiden voller Protest entgegnen, es sei ihm wohl nicht bewusst, wie ernst die Lage sei und so geht es circa eine gefühlte Ewigkeit weiter, nur in anderen Worten und mit anderen Ausschmückungen der selben.

Kurz bevor mir das sprichwörtliche Gesicht einschläft teilt das geliftete Gesicht mit, er gehe kurz nach draußen, um einige andere Anrufe zu erledigen, während der Rest hier im Kaninchenbau Besprechungen zur Lage der Situation bitteschön aufrechterhalten solle.

Was heißt das nun schon wieder? Er geht raus telefonieren und der Rest soll weiterhin in der eigenen Suppe schmoren?

Bevor ich den Gedanken zu Ende bringen kann, muss ich mich auch schon wieder entscheiden, welcher Szenerie ich nun Priorität einräume.

Ich muss in meinem Dilemma wohl ziemlich verzweifelt ausgesehen haben, denn die Klock Klock Frau gibt mir eindeutige Zeichen.

Ich verstehe, ich folge dem Gelifteten, sie bleibt hier in Stellung. Sehr clever!

Erleichtert, diese Entscheidung nicht alleine getroffen haben zu müssen, hefte ich mich an die Fersen des Tschaus.

Gar so weit geht er nicht, nur ein paar Gänge links und rechts, den Blick auf das Smartphone geheftet, als wäre er auf der Suche nach etwas. Abrupt bleibt er stehen, er scheint gefunden zu haben, wonach er suchte, denn nun bedient er das Display seines Telephons heftigst. Immer wieder hält er das Telephon in die Luft, schimpft, widmet sich wieder dem Display und schimpft erneut. Und weil es so lustig klingt, will ich euch dieses auditive Erlebnis nicht vorenthalten: Non mi piace come funzionano! Undici nuovi telefoni, e nessuno funziona! Con tutti questi bei soldi, si avrebbe pur potuto comprare un telefono a livello mondiale! Dies heißt so viel wie: Es gefällt mir nicht, wie sie funktionieren! Elf neue Telephone, und keines funktioniert! Mit all dem schönen Geld, hätte man ein Weltklasse Telephon kaufen können!

Sprachs und pfeffert das angeprangerte Modell in die nächste Ecke.

Jetzt kommt eindeutig das südliche Temperament zum Vorschein und er blafft seine getreuen Assistenten rüde an, er bräuchte doch ein Weltklassetelephon, sei er doch ein staatstragender Mann von Welt und ob dies denn zu viel verlangt sei?

Verängstigt zückt ein Assistent die vermeintliche Herz-Ass, ein Telephon mit einem angebissenen Apfel darauf, und reicht es dem immer noch schimpfenden Unhold.

Ach wie süß, eine angeknabberte Frucht mit hell leuchtendem Display kann das Ungeheuer besänftigen!

Das muss ich mir für die Zukunft merken, die Wirkung dieses Symbols scheint wirklich beachtlich auf die Menschen zu sein.

Meinem Empfinden nach, unnötig barbarischen Umgangs mit dem angekiefelten Apfel, hält er sich das smarte Phon an sein vernarbtes Ohr (na ja, irgendwo hin, musste diese ausgeleierte Haut ja gestopft werden) und er formt Worte, durch Luft, die seine Stimmbänder zum Vibrieren bringen und einer Zunge, die diese Vibration mit Hilfe des Gehirns in Worte übersetzen kann!

Ach, was bin ich für eine Meisterin! Wie konnte ich etwas derartig Wundervolles hervorbringen, es ist wahrlich ein Wunder!

Zärtliche Gefühle kommen über mich bei der Erinnerung, an diese ersten Klänge der menschlichen Sprache! Es war bahnbrechend und so vielversprechend.

Was besagter Herr allerdings gerade mit diesem Wunder an Sprache vom Stapel lässt, holt mich ganz schnell in das Hier und Jetzt zurück und fort sind jegliche zärtlichen Gefühle.

Na sag mal, hat der sie noch alle beieinander im Oberstüberl?

Schwafelt da was von einem Wahn, dem sie verfallen sind und von Irrsinn. Der Gunst der Stunde, und das müsse man jetzt ausnützen, da beide in diesem Zustand nicht zurechnungsfähig seien. Kapisch?

Si si, glaube mir, total meschugge die beiden! Hahaha, certo, wenn ich es dir doch sage! Nein, ungelogen, das behaupten sie allen Ernstes.

Gnihihi, zu köstlich, ich weiß! Ma sai, das ist doch bestens für unsere Pläne. Was hast du jetzt vor?

Aha, ja, okay, certo, dazu kann ich sie leicht überreden, so etwas in der Art hatten sie ohnehin geplant.

Also, wir sind uns einig, si?

Muahaha! Was für ein Vergnügen!

Drückt auf dem Display wie ein patscherter Dreijähriger herum, grinst dermaßen unverschämt, abgrundtief böse und reicht das Telephon mit dem angebissenen Apfel dem devoten Assistenten zurück, ohne wirklich zu bemerken, was er gerade tut, so selbstzufrieden ist er mit seiner eben vollbrachten Meisterleistung.

Unfassbar!

Das Gespräch habe ich euch mehr oder minder simultan übersetzt, für Liebhabereien einer Sprache gegenüber fehlt mir jetzt gerade die nötige Muse.

Was für ein hinterfotziges Hinterteil eines Pavianarsches ist diese Ausgeburt eines Wesens, das sich rühmlich Mensch nennt, wenngleich jeder Maulwurf mit Sicherheit mehr Weitblick besitzt, als dieser…bip, biip, bieeep!

Denkt nur an seinen persönlichen Vorteil, ohne auch nur eine Sekunde darauf zu verschwenden, wie es anderen mit seinen Entscheidungen ergeht!

Na warte, du selbstgefälliger, ignoranter alter Sack! Ich hole dich schon in meine Gasse, warte nicht am Ufer darauf, bis du an mir vorbeischwimmst.

Dich knöpfe ich mir jetzt gleich vor!

In der Wut sollte man nicht unüberlegte Entscheidungen treffen?

Das mag zu 99 Prozent stimmen, aber dieses eine Prozent nehme ich mir jetzt heraus, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken, denn das Maß ist voll, der Tropfen brachte das Fass zum Überlaufen und nun bin ich echt wütend.

Nicht nur sauer oder gerade etwas unpässlich, sauer oder beleidigt.

Nein, wirklich wütend, ob dieses mehr als anmaßenden Verhaltens!

Ich kann mit Vielem leben, aber derartige Verschlagenheit, eine dermaßen egoistische, überhaupt nicht selbstkritische Lebenseinstellung, die sich auch noch im Recht sieht, ohne jeglichen Skrupel, die gehört auf der Stelle gestoppt!

Kurz überlegen, was trifft dich am härtesten und beschert gleichzeitig den geringsten Schaden?

Hmmm, seine Tv Sender sprengen? Nein, da können nur die Wenigsten etwas dafür. Außerdem steht er dann als armes Opfer da, das ist zu offensichtlich, nicht effektiv genug.

Was liegt ihm wirklich am Herzen, ohne wirklich Einfluss darauf zu haben?

Eine Frau?

Vergiss es, die tauscht er wie die Unterhose. Igitt igitt, keine Gedanken an seine Unterflötze bitte!

Grübel grübel und studier, ja, ich habs! Das tut ihm weh und minimiert die Kollateralschäden!

Und nun, volle Konzentration altes Mädchen, zentriere dich und bündele deine Kräfte, um sie gezielt einzusetzen!

Ein kurzes, aber heftiges, vor allem punktgenau gezieltes Beben befriedigt mich immens!

Ich denke, das habe ich wunderbar hinbekommen, ich freue mich auf die Zeitungsmeldungen morgen früh und vor allem auf eins, sein dämliches Gesicht, wenn er davon erfährt!

Nicht ohne eines gewissen Maßes an Selbstzufriedenheit, gehe ich selbstbewussten Schrittes die paar Gänge in den Kaninchenbau zurück.

Und dort bin ich nicht alleine, die Klock Klock Frau ist bereits auf meiner Seite.

Es läuft ganz gut, denke ich!

Nun wird wild herumgestikuliert und hitzig debattiert.

Das scheint ein beliebtes Hobby zu sein, diese dramatischen Pausen des Nichtstuns, indem die Zeit mit unnötig häufigen „Ich habe Recht“ und „Ich weiß es besser“ totgeschlagen wird, bis entweder ein Input von außen kommt oder sie sich in dieser Haltungsweise dermaßen erschöpfen und betrinken, um das Spektakel auf Morgen zu verlagern.

Nun gut, ich habe ja Zeit, lass uns doch mal sehen, welche der beiden Möglichkeiten zuerst eintrifft.

Der Kosmos muss mir heute eindeutig gewogen sein, denn schon kurze Zeit später schneit ein überaus erregter Bote zur Tür herein, mit einer Eilmeldung!

Welche Kunde wird er wohl bringen?

Wird sie mich entsetzen oder doch eher beglücken?

Bringt sie Leid oder Entzücken?

Welche Macht kann dies bestimmen,

ob diese Kunde mich macht von Sinnen,

im Guten wie im Schlechten,

ohne mich zu knechten,

ob der Kunde, aus seinem Munde?

Pfoah, meine Prosa war auch schon mal schlechter!

Das habe ich mir gerade aus dem Ärmel geschüttelt, locker flockig aus der Hüft`n heraus.

Da lohnt es sich doch, durchaus zeitlos mit diesen Menschen weitestgehend kongruent zusammengearbeitet zu haben, wenn mir selbst aus meiner erst kürzlich erwachten Lethargie noch solche Reime im Moment, in den Sinn kommen!

Hach, was für wunderbare Geschöpfe.

Ich bin und war ja immer schon so was von hingerissen, von diesen so kreativen Zellanhäufungen.

Moiii, das war alles ich, in mühseliger Kleinarbeit und mit wahrlich viel Geduld, und sieh nur, wie weit sie es gebracht haben!

Wie weit sie mich gebracht haben! Ich habe die Prosa verinnerlicht und bin ihrer mächtig, ich dichte!

Auf einem Felde,

nah dem Walde,

sah ich Helde….

Wer stört mich in meinem kreativen Schaffen?

Das gibt es doch nicht, schon wieder habe ich das Wesentliche verschlafen und muss nun sehen, wie ich im Hier und Jetzt mit dem Versäumten zu recht komme!

Ach ja, der Bote und die Kunde, dann verlor ich mich ein wenig.

Aber hallo, da gehen die Wogen ganz schön hoch!

Dem gelifteten Herrn entgleisen die Gesichtszüge mehr, als es dem längsten Orientexpress je möglich gewesen wäre und ich habe allergrößte Mühe, dem Grund dieser allgemeinen Hysterie auf den Grund zu gehen.

Wenn ich eines kann, dann ist es wohl die Übersicht zu bekommen, in einer wahrlich komplizierten Situation, in der eine Unordnung herrscht, die selbst eine aufgescheuchte Affenhorde in den Schatten stellt.

Ich möchte an dieser Stelle nur kurz das mir dargebotene Schauspiel zum Besten geben, denn ansonsten glaubt mir das niemand, was sich da gerade vor meinem Angesicht abspielt.

(Ich weiß ja noch immer nicht, worum es eigentlich genau geht, aber das ist im Moment auch zweitrangig, denn es reicht die Dramatik der Folgen vollends aus, ohne den genauen Grund dafür zu kennen).

Der geliftete Strahlemann hat nach sämtlichem, verbalen um-sich Schlagens den Kopf in seine Hände versenkt und die beiden anderen Herren rennen wie überbesorgte, nichts überzuckernde Glucken im Kreis.

Alle drei schreien in ihrer Hilflosigkeit ihre jeweiligen Bediensteten an und geben widersprüchlichste Anweisungen, so daß ein solches Tohuwabohu entsteht, daß schlussendlich niemand mehr weiß, was eigentlich zu tun wäre.

Bis auf die Klock Klock Frau.

Die sitzt in ihrem Winkerl und lächelt, nein, sie lacht in sich hinein und der Bleistift flitzt nur so über die Seiten, aber keiner merkt es.

Gut zu wissen, ich bin nicht einziger Zeuge der Geschehnisse, die absurder nicht sein hätten können.

(Moment einmal, war da gerade eine Vergangenheitsform im Text?)

Bitte worum dreht sich die eigentliche Aufregung jetzt eigentlich?

Das wäre nun wirklich hilfreich zu wissen, so komisch das Verhalten im Kaninchenbau auch ist!

Ich fahre meine Lauscher aus und meinem Gefühl nach liegen eben diese bereits mitten am Tisch, da tragen die gesprochenen Schallwellen eine Information in mein Bewusstsein, mit der ich so bald nicht gerechnet hätte!

Na freilich, das hätte ich bedenken müssen, in der Zeit der smarten Telephone und des instantanen Internets, bleibt nur selten und scheinbar durch Zauberhand irgendetwas länger als ein paar Stunden geheim!

Die Zeitungsmeldungen morgen wird es wohl geben, aber vielleicht nicht in der Art, wie von mir beabsichtigt!

Na geh, jetzt weiß er es, weiß was ich getan habe und mir bleibt die Genugtuung verwehrt zu beobachten, wie sein Grinsen der nun offensichtlichen Verzweiflung wich, die er ohne jegliche Scham voll auslebt.

Es ist ja nicht so, daß ich wen verletzt oder gar umgebracht hätte. So arbeite ich nicht, das ist nicht mein Stil! Ich habe bloß ein Stadion ein wenig durchgerüttelt und er gebärdet sich, als hätte ich die Welt zerstört.

Wo bleibt da die Relation?

Sei`s drum, die Relationen rücken wir anschließend gerade, jetzt geht es darum, diesen hysterischen Männerhaufen unter Kontrolle zu bringen, während die einzige Frau im Raum seelenruhig vor sich hin schreibt. So etwas nennt man wohl ein Paradoxon, aber was verstehe ich schon davon!

Die Stimmung im Raum beruhigt sich und vorsichtig meldet sich die Klock Klock Frau zu Wort, mit der berechtigten Frage nach dem Warum?

Dutzende fragende Augenpaare starren sie an und in ihrem Schweigen formuliert sich die Frage: Was soll das heißen, warum?

Wirklich mutig von der jungen Frau, solch eine törichte, wenn auch berechtigte Frage zu stellen. Dürfte noch nicht all zulange in diesem Dunstkreis sein, um noch genügend Mumm zu haben, nach einem Warum zu fragen. Ich habe den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, kommt prompt von rechts neben ihr der Einwand, ob sie denn nicht wisse, daß Erdbeben in Italien nun mal keine Seltenheit seien und es deshalb nichts bringen würde, nach so was Dämlichen wie dem Warum zu fragen! Es sei nun mal eine Tatsache, an der nicht zu rütteln wäre, Schluss aus basta!

Eingeschüchtert, aber noch nicht mutlos, setzt die Klock Klock Frau zu einem Aber an, welches im Halse stecken bleiben muss, denn plötzlich hat der Herr aus Übersee einen Geistesblitz!

Es muss sich hierbei um einen terroristischen Akt handeln, ohne Zweifel!

Keiner sagt mehr einen Pieps, in den Gehirnen scheint es zu rattern, bis schließlich ein lautes „ma si, certo“ die Gedankenpause zwangsbeendet. Ohne auf weitere Reaktionen zu warten führt der offensichtlich gefühlsgeschädigte in der Angelegenheit seine Überlegungen aus, denn es könne ja nur schlecht möglich sein, daß durch ein Beben nur das Stadion selbst Schaden nimmt, aber rundherum alles in Takt bleibt, außer das Beben sei nur vorgetäuscht, eine Tarnung sozusagen, um die wahren Absichten zu verschleiern.  

Die schöpferische Pause und den fassungslosen Blick der Klock Klock Frau überspringe ich jetzt, denn nun blühen die abstrusesten Blüten einer Verschwörung stundenlang, und ich kann nur tatenlos mitanhören, wie mein Handeln in einer Art und Weise spekulativ verdreht wird, daß ich mich selbst nicht mehr spüre, ob der verheerenden Auswirkungen, die ich im Affekt heraufbeschwor.

Mich, der eigentliche Angstgrund ihrer Zusammenkunft, haben sie dereinst völlig vergessen, denn nun haben sie einen neuen Feind.

Das habe ich wieder einmal und definitiv, verkackt.

Kennt ihr eigentlich die unglaublich lustigen Comics von Asterix und Obelix?

Also ich schon und am Besten daran gefallen mir immer diese wütenden Sprechblasen, die ohne Worte auskommen, sondern nur durch Symbole den Gemütszustand des Wütenden beschreiben, mit Wirbelstürmen, Totenköpfen, Blitzen und was sonst noch Unheil bedeuten könnte.

Tja, genau so eine Sprechblase dürft ihr euch jetzt über meinem was auch immer Haupt vorstellen, plus eines überkochenden und explodierenden Teekessels, da ich diese Situation so gar nicht packe, wie aus einem x ein u wird, denn nicht nur, daß ich als Terroristin bezeichnet werde, schieben diese Hornochsen diese Tatsache auch noch wem in die Schuhe, der damit gar nichts zu tun hatte!

Die Sache ist gerannt, die Presseaussendungen fort und ganz und gar nicht so, wie ich es beabsichtigt hatte.

Das große Beglückwünschen ob des gelungenen Resultats ihrer Zusammenkunft nimmt seinen unaufhaltsamen Lauf und keiner verschwendet mehr einen Gedanken an mich, ich bin nicht nur praktisch, sondern mittlerweile auch theoretisch unsichtbar geworden.

Schulterklopfen, Händeschütteln, selbstzufriedene Grinserei, dann zerstreut sich das fleißige Grüppchen in den Kanälen des Kaninchenbaus und ich bleibe im sprichwörtlichen Regen stehen. Nie wirklich bemerkt und somit automatisch ignoriert.

Nicht nur ein wenig zerknirscht bleibe ich zurück, mich immerwährend fragend, was ich nun schon wieder falsch gemacht hätte, höre ich die tröstlichen Klänge des Klock Klocks.

Die Tür öffnet sich und suchend blickt sie um sich.

Ein klein wenig komme ich aus meinem beleidigten Winkerl hervor und das bemerkt sie sofort.

Ein tröstliches Lächeln und ein handgeschriebener Zettel sind das, was mir bisweilen von der ach so kooperativen Klock Klock Frau bleibt und augenblicklich übermannt mich die Rührung, obwohl ich doch gerade jetzt, mehr denn je, Stärke zeigen sollte!

Doch stark fühle ich mich jetzt nicht, könnte ich hemmungslos schluchzen und heulen, ich würde es sofort tun!

Das kann ich aber nicht, denn dies würde nur schlafende Riesen wecken, die nichts lieber tun würden, als auf Kommando auszubrechen.

Dies sind wieder diese Teekessel, die, wenn zu lang befüllt auf dem Feuer stehengelassen, irgendwann zwangsläufig explodieren werden und nur meiner stetigen Beschwichtigung ist es zu verdanken, daß nur von Zeit zu Zeit ein kleineres Häferl überkocht, damit sich diese Menschen entwickeln können, weitestgehend ohne allzu vernichtende Naturereignisse. Wie beispielsweise vulkanausbrüche

Dieser Verantwortung schleppend nachgebend entweiche ich dem Kaninchenbau blind vor Tränen, (das stimmt natürlich nicht, das dient nur dazu, die Dramatik zu veranschaulichen) und kaum in der frischen Luft angekommen, fühle ich mich auch schon wieder besser.

Dieses Gefühl ließe sich am ehesten mit einem äußerst rüpelhaften Rülpser vergleichen, wenn die angestauten Gase durch die Verdauungsprozesse ein Ventil suchen.

Rüpelhaft ist in diesem Zusammenhang doch eher untertrieben, denn ich befürchte, das klitzekleine Erleichterungsbäuerchen bringt gerade eine steife Brise mit sich, denn kreischende Menschen rennen an mir vorüber und ich muss zugeben, der Wind frischte doch heftigst auf.

Nach einigen Minuten an der Frischluft kann ich auch wieder klarer denken und mein Weg führt mich zum nächstbesten Baum.

Gar nicht leicht zu finden, solch ein Gewächs inmitten der prachtvollen Gebäude, aber ich werde dennoch fündig.

Ein noch recht junger Feldahorn sticht mir ins Auge, noch so jung, daß er liebevoll gestützt wird von einem Holzkonstrukt, das durchaus tauglich erscheint, hielt es doch dem Windhauch von vorhin stand!

Ich nähere mich vorsichtig, denn schließlich rechnet solch ein junges Geschöpf gerade jetzt nicht mit mir und die Erlebnisse der letzten Tage lehrten mich mehr als alles andere, nicht zu forsch zu agieren.

„Hust, Räusper und Ähem, mein liebes junges Bäumelein, ich hätte da ein dringliches Anliegen. Wärst du bitte so nett, mir deine Aufmerksamkeit zu schenken?“

(Das war jetzt wirklich sehr feinfühlig und diplomatisch, da bin ich direkt stolz auf mich ?)

„Oidaaa, krass, die Oide lawert mich an. Voll geil und Bam! Super Joke, verstehst, Bam, Oide!

I chill des grad gor net owi, war grad voll am Napflixen, fermentiere so vor mich hin, und du texst mich an. Du bist voll fame! Bin eh grad ein wenig am herumharzen, was geht Babo?“

(?)

(??)

(???)

(Liegt das am Klimawandel oder der Umweltverschmutzung, ich habe kein einziges Wort verstanden. Das arme verwirrte Bäumchen, es braucht dringend Hilfe).

„Mein liebes junges Bäumchen, ich bin hier um zu helfen. Ich weiß, es ist nicht leicht in diesen schweren Zeiten, aber lass uns darüber reden, das ist nichts, was wir nicht in den Griff bekommen könnten.“

„Hey, wie swag bist du denn, das Vintage steht dir! Ich habe diesen Niveaulimbo eh auch satt, wir sind doch ein fresher Squad, das Merkeln macht mich schon lange nicht mehr fly, diese Bankster sind ohnehin unterhopft, lauter Bildschirmbraune, isso!“

(Es hilft nichts, so betrüblich der Zustand des jungen Ahorns auch ist, ich muss ihn in Kenntnis setzten und kann nur das Beste hoffen. Ich erkläre mich ihm kurz und hoffe inständig auf seine Kooperation).

„Yooo, epic Fail! Das ist nicht wirklich nicenstein, aber unlügbar einem Selfiecide gleichzusetzen.

Chillax, mein fresher Squad und ich followen dich natürlich!

Läuft bei dir Babo und wir wissen ja, YOLO!“

Ich bin mir jetzt nicht wirklich sicher, ob der Sachverhalt ausreichend verstanden wurde, aber plötzlich fühle ich Energie unter den jung gepflanzten Bäumen der Allee.

Das muss man dem jungen, leider derart geschädigtem Feldahorn durchaus zugestehen, er hat bereits mehr geschafft, als die altvatrische Linde!

 

Die junge Energie überträgt sich auf mein Gemüt und somit blicke ich aktuell positiv in die Zukunft. Wie es so heißt, wir werden das Kind schon schaukeln!

Zumindest scheinen sie eine neue, lukrativere Form der Gefahr gefunden zu haben, die nicht mehr direkt mit mir zu tun hat, sondern einen neuen Sündenbock fand. Das kann mir mitunter sogar in die Karten spielen, denn nicht mehr in der Schusslinie, kann ich umso leichter verdeckt agieren und das Blatt wenden.

Da fällt mir plötzlich wieder der Zettel der Klock Klock Frau ein! Wollen doch mal sehen, was diese äußerst reizende und feinfühlige Person mir noch mit auf den Weg schickte.

Sapperlot, wohin habe ich diesen Zettel schon wieder hingemurkst, er will einfach nicht auffindbar sein, wobei ich mir doch sicher bin, ich habe ihn mitgenommen!

Manches Mal bin ich unorganisierter als jede Frauenhandtasche, aber bitte, erzählt dies nicht weiter, mein Image nähme doch allzu sehr Schaden!

Na wer sagts denn, da is er ja, heureka!

Also da steht Bla, und dann erneut interessantes Bla Bla Bla, bis zum ultimativen Bla Bla Bla, das wirklich sehr hilfreich ist. Das sind wahrlich interessante Offenbarungen und Zugeständnisse, die in der Zukunft von immenser Relevanz sein werden!

Oh liebe Klock Klock Frau, wie bin ich dir dankbar! Das Zünglein an der Waage, mein Hoffnungsschimmer! Allerliebst, die Dame!

 

Nun weiß ich auch, was zu tun ist, nämlich der alten Linde ein wenig die Wadln viere zu richten und die weiteren Geschehnisse aufmerksamst zu beobachten.

Weil ich nun mal ich bin, stehe ich auch schon flugs bei der Linde auf der Mattn und lasse ein lautes „Bhu“ von mir, schließlich muss ein wenig Spaß nach all diesen Verdriesslichkeiten erlaubt sein!

Zu meiner Erheiterung kippt sie beinahe aus ihren Wurzeln und weiß momentan gar nicht, wie ihr geschieht. Recht so!

Sobald sie sich ein wenig gefangen hat, blaffe ich sie durchaus herrisch an: „Na guat Morgen altes Haus, auch schon munter?“ Ich warte ihre Antwort gar nicht ab, sondern fahre im selben Ton fort:“ Während du hier gemütlich Winterschlaf hältst, habe ich junge Kräfte auf der anderen Seite der Welt mobilisiert, die du, in deinem Dornröschenschlaf nie und nimmer erreicht hättest, da du ja ein altes und nicht zeitgemäßes Netz bedienst, das so was von gestern ist, daß es schlicht nicht mehr effektiv genug ist, um schnell und gezielt, global einsetzbar zu sein! Ich sag dir jetzt eines, du und der verstaubte Haufen, die immer nur denken, weil es immer schon so war, wird es immer so bleiben, könnt mir gestohlen bleiben bis irgendwohin! Und überhaupt…!“

„….und überhaupt Gnädigste, hast du SO nicht mit mir zu sprechen, bin ja nicht dein Kindermädchen und schließlich auch schon einige Jährchen mit meinen Wurzeln an diesem Fleck, um was zu machen? Obacht zu haben und dafür zu sorgen, daß die Dinge nicht aus dem Ruder laufen! Komm mir jetzt nicht in diesem Ton, den Schlamassel hast du dir selbst eingebrockt! Ist ja nicht so, daß der verstaubte alte Haufen nicht gewarnt hätte. Nur kenne ich da wen, der wollte einfach nicht hören! Warst ja zu beschäftigt mit der Verherrlichung dieser Geschöpfe, ohne zu merken, daß dir die Sache entgleitet und über den Kopf wächst!“

(obgleich mein verletzter Stolz jetzt unbedingt zu einem Aber ansetzten möchte, knicke ich ein, wie ein im Saft stehender Ast im Frühling, auf den schwerer Schnee fällt.)

Mein Trotz fällt in sich zusammen und imaginär schmeiße ich mich der Linde an den Hals und plärre Rotz und Wasser. Ich schwafle etwas daher, von Epic Fails und der Umweltverschmutzung, vom Terror und allgemein dem Schlamassel, den ich durchaus mit zu verantworten habe. Davon, daß ich dies ja nie wollte und es mir doch so leid täte. Kurzum, ich bin einem klassischen Weltschmerz verfallen.

Das dürfte ich natürlich nicht in meiner Position und die Konsequenzen dessen fühle ich in der Sekunde.

Ich spüre brodelnde Hitze, die früher oder später den Teekessel sprengen wird. Den schlafenden Riesen zu wecken wäre verheerend und würde die Menschheit vielleicht auslöschen und wenn nicht, doch dermaßen zurückkatapultieren, daß das bisher Erreichte nur mühsamst wieder hergestellt werden müsste.

Während ich noch mit der Hitze zu kämpfen habe und in Sorge beinahe ertrinke, höre ich die Linde immer deutlicher sagen:“ Sorge dich nicht, hör auf damit! Damit machst du nur alles schlimmer! Bitte, auch wenn dir jetzt alles ausweglos erscheint, wir halten zusammen. Und so untätig wie du denkst, war ich gar nicht! Bitte, sei nicht so traurig, wir machen alle Fehler und du trägst nicht die alleinige Verantwortung dafür, das waren wir schon alle gemeinsam!“

Da ich ja ziemlich gefühlsduselig bin und auch nicht mehr gerade taufrisch, sind die Aussagen der Linde Balsam für mein inneres Sein und der alten Haut kaufe ich es durchaus ab, daß sie dies auch ernst meint. So langsam werde ich erneut Herr über meine Sinne und kann nur erschrocken fragen:“ Ist er oder ist er nicht?“ Gscheid wie eine alte Linde nur sein kann, antwortet sie mir: “Nein, er ist nicht. Aber es war haarscharf. Da kannst du dem alten verstaubten Haufen dankbar sein, durch ihre Erfahrung konnten sie das Schlimmste verhindern und ihn besänftigen. Aber wenn du erneut die Fassung derart verlierst, kann ich für nichts garantieren!

Hör zu, ich weiß ja, daß der Spagat einen zerreißen kann, aber wenn du mit deinem herrischen Egotrip nicht aufhörst, können wir die Dinge nicht zu unseren Gunsten wenden.

Es mag wohl stimmen, daß wir so Manches verschliefen, aber glaube mir, spätestens nach diesem Schreckmoment, in dem es uns allen an den Kragen gehen könnte außer dir, sind alle hellwach und bestrebt, dir zu helfen und dich zu unterstützen! Sei nicht so eitel und gleichzeitig bescheiden, um wahrlich um Hilfe zu bitten, anstatt immerzu nur zu delegieren!“

Hätte ich diesen Baum nicht schon vorher geliebt, spätestens nach dieser Ansprache wäre ich der Linde vollkommen verfallen.

So etwas Schönes sagte vorher noch niemand zu mir, schnief!

Im Grunde hat sie ja recht und eigentlich wusste ich dies selbst auch schon lange, aber es ist nicht leicht, sich einzugestehen, überfordert zu sein. Und selbst wenn einem diese Überforderung bewusst wird, muss man sich erst überwinden, um Hilfe zu bitten, bevor etwas wahrlich Schlimmes geschieht. Da bewahrheitet sich einmal mehr das Sprichwort: Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende!

Wozu hat man schließlich Freunde, die in den Stunden der Not fest im Leben verwurzelt sind, um den etwas aufgelösten Geist wieder zu erden? Diesen Job übernahm heute eindeutig diese alte Linde und dafür werde ich ihr ewig dankbar sein, das vergesse ich ihr nie!

„Oh liebe, gute, versöhnliche Linde, ich danke dir sehr für deine Worte und dein Verständnis. Es tut mir wirklich leid so ungerecht dir gegenüber gewesen zu sein, das war wirklich nicht fair. Du kannst ja nichts dafür, die Dinge rennen einfach zu schnell und wie du richtig festgestellt hast, auch aus dem Ruder und ich weiß im Moment wirklich nicht mehr weiter.

Alles was ich anfasse entgleitet mir und kommt wie ein Bumerang zurück und mit jedem Rückschlag, werde ich unbeherrschter und somit auch anfälliger für Fehler.“

„Wie gesagt, gib dir bitte nicht die alleinige Schuld am Verlauf der Geschehnisse. Im Nachhinein ist es immer leicht zu sagen, das oder jenes hätte besser gemacht werden können. Ich bin mir sicher, du handeltest immer nach bestem Wissen und Gewissen. Die Zukunft kennt niemand, nicht mal du. Deshalb agiert man im Moment und muss Entscheidungen treffen, die sich mitunter als Fehlentscheidung entpuppen können. Das heißt aber noch lange nicht, daß dies das Ende vom Lied ist, sondern es zeigt lediglich einen neuen Weg, den bisher noch niemand ging.

Ein Schuß vor den Bug kann oft wahre Wunder bewirken und lehrreicher sein, als all die Erfahrung und das Wissen. Er zwingt dich dazu, Dinge neu zu überdenken, alte Denkmuster zu verlassen um Platz zu schaffen, für den neuen Weg, da der Alte sich als Sackgasse erwies.

Sei nicht so streng zu dir!“

„Wahre Worte meine treue Freundin. Im Endeffekt kann nie so weit vorausgedacht werden, um alle Folgen einer Entscheidung einschätzen zu können. Diese Einsicht hat durchaus etwas Tröstliches, wenn nicht sogar Heilendes. Es ist doch ein ewiges Lernen und die im Verhältnis kurze Lebenszeit des Menschen zwingt sie immerzu schnell zu handeln, bevor ihre Zeit auf Erden vergangen ist. So gesehen kann ich sogar das Trio infernale im Kaninchenbau verstehen, denn schließlich sind alle drei Herren nicht mehr die Jüngsten und klammern sich an die letzten Strohhalme ihres Lebens, um nicht kläglich in der Vergessenheit zu ertrinken. Egal ob sie nun ihre Schäfchen ins Trockene bringen wollen vor ihrem Ableben oder in die Geschichte eingehen, es ist das Bedürfnis, im Leben Unvergessliches geleistet zu haben, um damit ein wenig Unsterblichkeit zu erlangen.“

„Siehst du, es kommt immer darauf an, in welchem Licht die Landschaft betrachtet wird! Jede Medaille hat zwei Seiten und genau dies können wir uns zu Nutze machen!“

„Wie meinst du das jetzt Linde? Wie kann uns der Gedanke an eine Tat, die sich in die Annalen schreiben lässt, von Nutzen sein?“

„Meine Liebe, mir schwebt da etwas vor, aber dazu müssen wir uns besser organisieren. Es ist ein neuer Weg, wenn auch nicht unbedingt bahnbrechend, denn eins und eins zusammengezählt, ist es nur eine logische Folge der Dinge!“

„Wenn ich nur wüsste von was du sprichst, könnte ich deinen Gedanken weitaus besser folgen.

Nun gut, du wirst schon wissen was du tust, also lass uns zur Tat schreiten, von dem ganzen Philosophieren schwirren mir ohnehin schon die Sinne!“

Die nächsten Stunden ruhen wir uns erstmal ein wenig aus, denn alles in allem waren die Erfahrungen und daraus resultierenden Geschehnisse und Erkenntnisse mehr als nur zehrend, da kann ein wenig Ruhe nicht schaden, um den Geist etwas herunterzufahren und zu klären.

Und wie macht das Unsereins? Es schläft mal ein revitalisierendes Powernapping von mehreren Tagen (mitunter Monaten), um dann seelenruhig in Erinnerungen zu schwelgen.

Das lässt sich am ehesten so beschreiben, wie wenn in einer Runde jemand einen Schuhkarton alter Fotos aus der Schublade kramt und zu jedem Foto gibt jemand eine dazu geknüpfte Geschichte zum Besten, zu der wer anderer wieder eine Geschichte weiß und so geht das eine geraume Zeit weiter, bis der Morgen graut, der Wein alle ist und sämtliche Aschenbecher überquellen.

Das Zwitschern der Vögel kündigt die Morgendämmerung an und alle Beteiligten wissen nun, es ist Zeit schlafen zu gehen, denn die Nacht weicht dem Tage und wie doch jeder weiß, damit beginnt das Tagwerk.

Nun ja, so mag man sich das in Etwa vorstellen als Mensch, nur daß in unserem Fall das Zwitschern der Vögel nicht nur einen Morgen enthüllt, sondern einen Frühling.

Um nicht weiter um den heißen Brei herumzureden, die Linde und ich haben den gesamten Winter der nördlichen Hemisphäre verpennt und verquatscht und haben nicht einmal den leisesten Tau davon, was in der Zwischenzeit so geschah.

Das ist wieder so was von typisch, so was von klassisch für uns, daß wir einfach zu viel Zeit haben im Vergleich zu den Menschen und uns monatelang, jahrelang, na was sag ich, Jahrhunderte lang in uns selbst verlieren, da die Zeit doch schon seit über hundert Jahren sogar für den Menschen, erwiesenermaßen relativ ist! Nur so ganz verinnerlicht wurde diese Theorie der Relativität noch nicht, so lange die biologische Uhr und die Armbanduhr am Puls der Menschen tickt wie wild!

Das ist immer noch mein großes Manko, ich arbeite im Verhältnis gesehen einfach zu langsam!

Es war auch weiter kein großes Problem in der Vergangenheit, da sich diese so überaus frischen Säugetiere doch auch flott, aber dennoch überschaubar entwickelten. Na ja, und ich bitte euch, je weiter sie sich entwickelten, desto bezauberter war ich.

Warum?

Das fragt ihr noch?

Was für einen Charme besitzt das Junge eines Reptils im Vergleich zu einem neugeborenen Säugetier?

Keinen, niente, nada, denn die junge Schlange schlüpft und zischt davon, (außer Schildkrötenbabies, die so tapfer vom Strand zum großen Meer paddeln, so ganz sich selbst überlassen), während diese sämtlichen putzigen Säugerbabies, egal ob nestflüchtig oder nesthockend, so dermaßen hilfsbedürftig sind, daß es einem doch unmöglich scheint, diesen Wesen auch nur irgendein Leid zuzufügen.

Die Jungen eines Wolfsrudels, die sich in der zarten Frühlingssonne vorsichtig aus dem Bau wagen und tapsig in das Leben schreiten, geh kommt schon, wessen Herz berührt dieses Bild bitte nicht?

Nein nein, da kann mir keiner irgendeinen Vorwurf machen, sie sind herzallerliebst diese kleinen Säuger! Nie und nimmer hätte ich es über das Herz gebracht, diese Entwicklung bis hin zu den noch hilfsbedürftigeren Menschenkindern aufzuhalten.

Freilich kann jetzt argumentiert werden, wie die Sachlage dann mit den erwachsenen Exemplaren dieser Spezies aussieht, aber bitte, wie vorhin schon festgestellt, das ganze Abc kann niemand voraussehen.

Und überhaupt verliere ich mich schon wieder in nostalgischen Schwärmereien, das brauche ich jetzt gerade so wie einen Vulkanausbruch, das haben die Linde und ich eh den ganzen Winter lang besprochen und darin geschwelgt.

Tut mir leid, daß ihr daran nicht teilhaben konntet, aber ich verspreche, wir kommen darauf zurück!

 

Wo waren wir?

Ah ja, bei meinem Manko, zu langsam zu sein.

Das ist wahrlich ein Problem, denn so schnell wie diese Menschen sich technologisierten und sogar digitalisierten, kann ich nicht arbeiten, denn in der digitalen Welt habe ich überhaupt keinen Wirkungsgrad!

Da komme ich praktisch nicht wirklich vor, außer man führt diese Entwicklung wieder auf Mathematik und Physik zurück und somit wieder auf von mir erfundene Gesetzmäßigkeiten.

„Linde! Liiiinde! Bist munter? Geh komm schon, es ist schon Frühling! Twitscher twitscher, hörst du das denn nicht?“ Na sapperlot, jetzt ist sie wirklich schon ein wenig senil die Gutigste!

„Hallo, Lindilein, kannst du mich hören?“

Nix da, schläft felsenfest, grad, daß sie mich nicht anschnarcht, die, politisch korrekt ausgedrückt, in die Jahre gekommene ältere Dame.

Aber ich kenne da so einen Trick, damit ist sie im Nu hellwach. Ist zwar in der Menschenwelt nicht legal, aber dadurch, daß ich den Stoff ja erfunden habe, kann ich ihn wohl für höhere Zwecke einsetzen! Ein wenig Koks den Wurzeln zugefügt, dann noch eine Überdosis Zucker und siehe da, sie erwacht!

„Wie Was? Was ist los, was habe ich verpasst? Ist es schon Zeit? Was ist zu tun? Packen wirs an, wo bin ich überhaupt?“

Upps, vielleicht etwas überdosiert das Ganze, aber munter isse, also Ziel erreicht!

„Seavas Linde, Frühling ist`s und es wird Zeit, daß du ein wenig in den Saft kommst! Wir haben doch Pläne und nun packen wirs an!“

Sie scheint mich voll high anzustarren und rennt auf Hundert, das muss korrigiert werden um eine vernünftige Gesprächsbasis herstellen zu können und zum Glück habe ich auch da ein oder mehrere Hilfsmittelchen in petto, um sie von ihrem Trip runterzuholen. Schnell ein paar Baldriansamen um sie verstreut und die ein oder andere Hopfenranke umschließ diesen alten Baum im Nu, nur nicht zu forsch, denn ansonsten kollabiert sie mir noch, und das wäre wirklich nicht wünschenswert!

Den kurzen Drogenexkurs mit anschließend sofortigem Entzug scheint das alte Weib prima überstanden zu haben, denn die Knospen treiben aus an ihren knorrigen Ästen und ansprechbar wird sie auch wieder.

„Ach Lindilein, da bist du ja endlich! Ich habe schon befürchtet, du wirfst das Handtuch und verabschiedest dich in die ewigen Jagdgründe mitsamt unseren hochtrabenden, aber durchaus vielversprechenden Plänen. Was bin ich froh, daß dich der zigste Frühling doch wieder erwecken konnte!“

„WAS HAST DU MIT MIR GEMACHT? Da stimmt etwas ganz und gar nicht mit mir und ich weiß haargenau, das liegt mit Sicherheit nicht an mir! Wie hast du mich schon wieder manipuliert und gefügig gemacht?

Oh, du bist wirklich unverbesserlich und komplett belehrungsresistent!

Wäre es denn wirklich zu viel verlangt gewesen, daß ich meinem Alter entsprechend aus dem Winterschlaf erwache, ohne daß du mich hetzt?

Geh sieh dir nur meine jungen Blätter an, völlig aus dem Häuschen sind die und pumpen meine Wurzeln an wie besessen! Saggra noch eins, ist dir wirklich nichts zu blöd?“

„Jetzt echauffiere dich nicht so künstlich, ich habe dir lediglich ein wenig, wie nennen es die Menschen, Schnee verpasst in Kombi mit etwas Glucose, nichts Fremdes, alles bio!“

„Sag einmal, hast du sie noch alle beieinander in deinem Schüsserl? Was wenn ich das nicht überlebt hätte, in meinem Alter?

Und überhaubt, was klebt da so an mir und fühlt sich so gar beengend und grauslich an?“

„Ach das Gewächs rund um dich meinst du? Na sieh einmal genauer hin, das war notwendig, denn du warst ja ganz schön hinüber, Mann oh Mann!“

„Das ist doch die Höhe! Erst setzt du mich voll unter Drogen und dann peitscht du mich gewaltsam wieder runter, nicht einmal den Genuss des Trips konntest du mir lassen! Und mit meinen abhängigen Blättern muss ich auch noch zurechtkommen, in meinem Alter!

Wahrlich, bei einer Freundin wie du sie mir bist, nein, besser gesagt, einer Chefin wie dir brauche ich wirklich keine anderen Feinde zu fürchten, am wenigsten die Menschen! Die sägen mich um oder vergiften mich schleichend, das ist mir alles lieber, als deine Mittel!“

„Ach Lindilein, hab dich doch nicht so! Es ist ja nichts geschehen und sieh dich nur an, von jetzt auf gleich voll im Saft, wie ein junges Bäumchen. Mir scheint, sogar das Frühlingsgrün deiner Blätter strahlt wie in vergangenen Zeiten.

Wenn ich mir dich genauer ansehe, ist deine Rinde auch wieder etwas glatter und die alten Narben ein wenig blasser.

Siehst sicherlich 120 Jahre jünger aus meine Liebe!“

„Ach, meinst du wirklich?

Na ja, wenn ich jetzt auch etwas näher hinsehe, magst du wohl recht haben und irgendwie, ja, sehe ich das nun auch.“
(Jetzt habe ich sie bei ihrer Eitelkeit gepackt, das zieht meistens)

„Aber genug des Geplänkels, schließlich schmiedeten wir Pläne, die nur darauf brennen, in die Tat umgesetzt zu werden! Lassen wir das Altweibergezeter hinter uns und fangen mit Neuem an!“

„Du hast ja leicht reden, weilst ja ewig und scheinbar allmächtig. Was du mir abverlangst, wird wohl meine letzte Große Tat in der Erde sein, in der ich verwurzelt bin.“

„Wenn ich dich nur kurz daran erinnern darf, es war deine Idee und nicht die meine, also mach jetzt nicht schlapp und wer weiß, was für dich dabei noch herausspringt!“

„Du gehst mir am Wecker, sagte ich das schon?“

„Hahahaha, nein, aber das wußte ich ohnehin schon! Was würde ich nur ohne dich machen, Liiindilein!“

„Nenn mich nie wieder so, oder du wirst das Liiindilein zu spüren bekommen!

Ich bin zwar alt, aber nicht meschugge. Du kannst gerne einfach nur Linde zu mir sagen, das genügt völlig!“

„Aye Liiindilein, Botschaft ist angekommen!“

„Bist so was von kindisch, ich glaube, etwas von dem Schnee hast du auch abbekommen!“

„Nein nein, Liiindilein, das ist die Euphorie des Aufbruches, viel besser als jedes Kokain!“

„Na, wenn du meinst! Dann höre auf zu quatschen und so dämlich zu grinsen, das ist ja beängstigend.“

„Sag ich ja die ganze Zeit, nur du warst so langsam, hahahaha!“

„Geh schleich di jetzt einfach, das hält ja keiner aus!“

 

Nun gilt es zu aller erst, herauszufinden, wie die aktuelle Lage ist, weltpolitisch und vor allem geopolitisch. Was genau haben die Linde und ich verpasst und wie setzen wir unsere Pläne in die Tat um?

Das bedarf profunder und ernster Sondierungsgespräche, nämlich wirklich global, also so den ganzen Planeten betreffend. Die Linde und ich teilen uns in zwei Teams auf mit unterschiedlichen Betätigungsfeldern. Die Linde kümmert sich vorwiegend um die alte Garde, ich besuche die Jugend und aus den gewonnen Informationen bilden wir weitere Arbeitsgruppen, je nach Können und Wissen der Befragten.

Klingt in der Theorie ganz wunderbar, schauen wir mal wie bockig die Praxis sich erweisen wird!

Wir haben auch ein paar Regeln aufgestellt, denn schließlich soll die Aktion diesmal mit einer gewissen Ordnung von statten gehen, nicht daß unsere Rettungsaktion so endet, wie mein letzter Alleingang!

Regel Nummer eins

-keine Alleingänge, alles wird vorher besprochen und diskutiert, damit wird sichergestellt, daß es zu keinen unüberlegten Kurzschlusshandlungen kommt. Sehr vernünftig.

Regel Nummer zwei

-der bewusste Kontakt zu Menschen wird vorerst vermieden, um sich ein möglichst neutrales Bild der anderen Seite zu verschaffen, das durch diese niedlich grinsenden Babies verzerrt wird.

„Sag einmal, bist du schon komplett hirngewaschen? Was faselst du da von niedlich grinsenden Babies? Oh je, nicht einmal korrekt aussprechen kannst du die Regel, wie willst du sie dann erst befolgen können?“

„Was hast du nun wieder zu zetern, ich sprach ja nur von den Menschen in einem frühen Stadium. Oder sind dieses Babies etwa keine Menschen, ohne Gefühl oder Bewusstsein?“

„Ich sehe schon, diese Diskussion bringt so nichts. Könnten wir den Wortlaut nur dahingehend ändern, daß es nicht „niedlich grinsende Babies heißt“, sondern einfach „Menschen“?“

„Na wenn es dich zufrieden macht, mir soll es recht sein.“

(Ein wenig wortklauberisch ist sie schon, das Liiindiiilein. Immerzu muss sie recht haben und mich belehren, dabei bin ich doch weitaus älter als der knorrige alte Baum. Aber bitte, soll sie ihren Willen bekommen, ich bin ja nicht so kleinkariert)

Regel Nummer zwei

- der bewusste Kontakt zu Menschen wird vorerst vermieden, um sich ein möglichst neutrales Bild der anderen Seite zu verschaffen, das durch die aktuelle menschliche Sicht verzerrt wird, egal wie pro oder kontra sie unserer Sache auch sein möge.

„Ist das jetzt nach deinem Geschmack, meine Teuerste?“

„Ja, das trifft es sogar noch besser, als ich es formuliert hätte.“

„War ja klar, schließlich kommt es ja von mir!“

(das war jetzt eindeutig die Retourkutsche, das muss sie jetzt einstecken können)

„Jetzt bist du wieder kindisch, aber das musst du ja sein, sonst wärst du ja nicht du und wehe uns, wenn du dies einmal nicht mehr bist!“

Ich verstehe zwar nicht ganz, was die alte Schachtel mir da sagen will, aber ich nehme es erstmal als Kompliment.

Also lass ich diese kindischen Wortklaubereien einfach bei Seite und frage souverän, etwas herausfordernd: „Gibt es noch eine dritte Regel?“

„Die gibt es mit Sicherheit, aber da ich bereits weiß, daß du Regel Nummer eins und zwei schon nicht befolgen wirst, ist es unnötig, über eine dritte zu sprechen.“

„Was soll das nun wieder heißen?“

„Ach nichts, was hörst du auch auf das Gemurmel einer alten Schachtel?

Lass uns nun lieber zur Tat schreiten. Nicht vergessen, wir vermeiden Situationen, in denen eine Kommunikation unmöglich wird, schließlich müssen wir unsere Informationen ständig abgleichen können!“

„Also gibt es doch eine Regel Nummer 3, wusste ich’s doch!“

„Nein Frau Chefin, das ist nur eine Tatsache, keine Regel! Und jetzt Abmarsch, es liegt viel Arbeit vor uns!“

So trennen sich die Wege der Linde von den Meinen nach dem gemeinsam verbrachten Winter. Auch wenn sie mir mit ihrem ewigen Besserwissen doch manches Mal den letzten Nerv tötete, war sie stets eine geduldige und mitfühlende Freundin. Vermissen werde ich sie, aber sie ist ja nicht außer der Welt, jederzeit zu erreichen.

Dieser Gedanke tröstet mich über den Abschied hinweg und kaum ein wenig außer Reichweite, weicht die Traurigkeit des Abschiedes einem berauschenden Gefühl der Taten, die noch vor mir liegen. Einen Plan zu haben und diesem zu folgen, lässt doch manches Hormon frei und der Rausch könnte nicht größer sein und meinen Tatendrang weiter beflügeln!

Wo fange ich blos an? Die Erde ist ja rund und wo der Westen im Osten liegt, liegt der Osten im Westen und oben ist nicht unten, das ist sehr verwirrend. Also bemühe ich mich keiner dieser Richtungen den Vorzug zu geben, sondern versuche logisch denkend an das Problem des Anfangs  heran zugehen. Wo soll ich beginnen?

Ich weiß ja nicht wie es euch mit dieser Frage geht, aber mich zieht sie immer in einen Jahrmillionen alten Exkurs, für den die Zeit jetzt und hier einfach nicht reicht. Demnach muss ich die Fragestellung an mich ändern, an wen wende ich mich zuerst?

Offen gestanden, bin ich mit dieser Entscheidung im Moment doch ein wenig überfordert und somit entscheide ich mich für den jungen Feldahorn in Russland. Irgendwie ist es ja auch logisch mit diesen jungen Bäumen anzufangen, schließlich sind sie ja schon länger im Bilde und vielleicht konnten sie über den Winter mehr erreichen als die Linde und ich, hihi!

Der stramme junge Baum ist auch gar nicht erstaunt, mich so bald wieder zu sehen und liefert mir ungefragt sofort einen Lagebericht.

Äußerst effektiv dieser junge Ahorn, ich bin beeindruckt!

Laut seinen Aussagen hat er und sein fresher Squad bis zum Herbst sämtliche Jungbäume auf der nordöstlichen Halbkugel kontaktiert und befragt. Die skandinavischen Länder sollten auch ohne weitere Probleme erreicht werden können und er sähe da durchaus gleichgesinnte Ansichten, da die Probleme in etwa die selben wären. Ein wenig schwierig könnte es östlich zum Äquator hin werden und der östlichste Rand, also Japan. Durch die jüngsten nuklearen Vorkommnisse dort, sei die Kommunikation noch immer sehr eingeschränkt, wenn nicht gar konfus bis hin zu irrsinnig.

Ich verstehe.

Und mit den jüngsten nuklearen Vorkommnissen müssen sämtliche Vorkommnisse bedacht werden, denn ohne wirklicher Erholung von Little Boy und Fat Man kam Fukushima, wirklich tragisch diese Entwicklungen.

Da kann ich die Verbindungsschwierigkeiten, die der junge Ahorn beschreibt, durchaus nachvollziehen. Das wird wohl auch das nächste Ziel meiner globalen Bestandsaufnahme sein.

Ich ernenne den jungen Burschen zum Koordinator für seinen Einflussbereich und gebe ihm noch die von mir und der Linde erstellten Regeln mit auf seinen Weg.

Ich komme nicht umhin, ein unterdrücktes Gekicher in der Allee zu bemerken.

Was dieses Gekicher auch immer heißen mag, ich ignoriere es geflissentlich, denn mir brennt eine andere Frage auf der Zunge:“ So ganz nebenbei, bevor ich mich wieder auf den Weg mache, was tat sich so im Kaninchenbau gegenüber die letzten Monate?“

Das Gekicher wird augenblicklich zu einem schallenden, herzhaften Gelächter.

Was habe ich so komisches gesagt? Es war doch nur eine simple Frage!

Der junge Koordinator scheint meine Ratlosigkeit zu bemerken, denn er fängt sich ein wenig und noch immer durch Gelächter gebeutelt, erklärt er mir, da habe sich nicht wirklich was Relevanteres ereignet, seit jener Nacht in der das Trio infernale den Bau verlassen hätte.

Da sein Begriff von Relevanz sich von meinem durchaus unterscheiden mag, hake ich nach und erfahre, daß ihr neuer Feind ihre gesamte Zeit in Anspruch nehme und sie deshalb auch vollauf beschäftigt mit dem Krieg gegen den Terrorismus seien. Ich brauche mich nicht zu sorgen, meine Eskapaden seien völlig vergessen und die Energie kanalisiere sich eben nun in diese Richtung.

Ob mich das nun trösten oder beruhigen soll, das kann ich derzeit nicht sagen. Gefallen tut es mir genauso wenig, wie vor Monaten schon.

Nun gut, die Linde und ich haben einen Plan und ich habe versprochen dem zu folgen und nach Möglichkeit nicht quer zu schießen. Einige Informationen habe ich schon, wobei ich noch immer nicht verstehe, was die Allee der jungen Bäume zu solcher Erheiterung veranlasste.

Ich muss ja nicht alles verstehen und somit verabschiede ich mich in Richtung Osten, nach Japan.

Ich war ja schon länger nicht mehr da und auf den ersten Blick scheint mir die Lage nicht wirklich besorgniserregend. Vielleicht übertrieb der junge Feldahorn auch ein wenig, man weiß ja, wie die unerfahrenen jungen Bäume zum Drama neigen, Hormone und so weiter…

Vorgenommen habe ich mir eine Bestandsaufnahme von Nord nach Süd, ist ja ziemlich lang das Japan. Es unterscheidet sich somit die Vegetation auch erheblich von Nord nach Süd.

Auf Hokkaido angekommen mache ich mich auf die Suche nach einer Fichte. Einer Fichte deshalb, da sie der wohl erfolgreichste Baum auf diesem Planeten ist!

(Notiz an mich: das sollte ich der Linde sagen, daß wir uns vor allem auf die Fichten konzentrieren sollten).

Hierzulande nennt sie sich Ajan-Fichte und lange brauche ich auch nicht zu suchen, sticht mir ein solches Exemplar ins Auge.

Ich nähere mich und beginne eine zwanglose Unterhaltung:“ Konnichiwa!“

„Du brauchst jetzt gar nicht so auf Gebildet tun, kannst ganz normal mit mir reden.“

Holla, die ist ja missgelaunt, ich wollte doch nur freundlich sein! Aber bitte, ihre möglichen Störungen bedenkend, steige ich auf diese Spitze gar nicht ein, übergehe sie großmütig und versuche es erneut recht zwanglos, nur um zu sehen, wie viel sie von mir erkennt und weiß.

„Hallo Ajan-Fichte! Wie geht es dir?“

„Sag einmal, hältst du mich für blöde? Ich weiß wer du bist und was du willst. Was ich allerdings nicht weiß, ist warum du erst jetzt auftauchst. Hattest wohl Besseres zu tun, als dich um uns, also um dich, wie auch immer, zu kümmern?“

Jetzt bin ich erstmal sprachlos. Von Small Talk hält dieser Baum wohl nichts. Vielleicht sollte ich es mit einem anderen Exemplar versuchen, das weniger missgelaunt ist.

„Unterstehe dich! Du kannst alle in diesem Wald befragen, die Reaktion wird die selbe sein!“

Das war eindeutig ein Start auf dem falschen Fuß. Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als nach der Ursache dieses Unmutes zu fragen.

„Das kann ich dir sagen! Wo warst du denn die ganze Zeit? Was willst du diesen Menschen noch durchgehen lassen? Willst du so lange nahezu tatenlos zusehen, bis wir alle komplett von uns selbst entfremdet sind durch ihr Werk oder sogar zerstört?“

Ich hatte die Frage noch gar nicht ausgesprochen, oder? Und trotzdem gibt sie mir Antworten auf eine nicht ausgesprochene Frage, oder vielmehr antwortet mir mit weiteren Fragen. Nicht ganz unberechtigte Fragen, das muss ich zugeben. Doch wie macht sie das? Liest sie meine Gedanken?

„Ja und nein. Lesen in deinen Gedanken wäre zu viel der Interpretation, ich denke nur logisch nach. Und wer weiß, wie viel diese indirekte Strahlung nun wirklich Einfluss auf mich nimmt.

Können wir nun endlich wirklich miteinander reden?“

Oh diese Fichte gefällt mir! Was für eine Entschlossenheit! Kein unnötiges Bla Bla, wir kommen gleich zur Sache!

„Nun gut Fichte, da du ja Bescheid zu wissen scheinst, brauche ich mich nicht weiter erklären. Wie sieht eure momentane Lage aus?“

„Beschissen, um es gelinde auszudrücken. Die Kommunikation von Nord nach Süd und von Süd nach Nord ist derart gestört, daß wir in einem heillosen Durcheinander leben müssen, ohne zu wissen, was wer wie wo braucht. Dabei leben wir ohnehin schon heikel durch diese in die Länge gezogene Insel, auf der wir eh schon so unglaublich aufeinander angewiesen sind, um uns zu versorgen! Glotz nicht so blöde aus der Wäsche, nie was von den Eigenheiten und Nöten der Insulaner gehört? Das ist nicht so rosig wie am Festland, das kann ich dir versichern! Da kannst du fragen wen du willst. Wir Insulaner entwickeln uns anders als die Festländer, brauchst dir nur Sardinien anzusehen, das ist ein eigener Mikrokosmos, von Australien will ich noch gar nicht sprechen! Etwas isoliert zu sein, machte uns noch nie was aus, aber unter den gegebenen Umständen ist ein erfülltes Fortbestehen komplett auszuschließen, alles steht Kopf!“

Jetzt muss ich erst einmal schlucken und tief durchatmen, die Realität schmerzt mich mehr als ich je annehmen konnte, und dies ist nur die erste Station! Nicht einmal mittelbar betroffen, sondern nur Leidträger von Umständen außerhalb ihres Wirkungskreises leiden diese Bäume offenbar sehr. Beim Gedanken an eine Weiterreise nach Süden mag ich mir gar nicht ausmalen, was mich noch erwartet!

Wie konnte ich es nur je so weit kommen lassen?

Was habe ich falsch gemacht, wo bin ich falsch abgebogen, ich weiß es nicht! Ich liebe die Menschen einfach, sind sie doch ein Teil von mir. Warum entfremden wir uns derart voneinander?

„Tja, das frage ich mich schon lange! Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, daß ausgerechnet du dir diese Frage erst jetzt stellst. Hättest du uns früher besucht, wir hätten dich schon aufgeklärt und entzaubert, deinen Lieblingen gegenüber!“

„Ach Fichte, drehe das Messer in der Wunde bitte nicht noch mehr, mir stehen die Schuldgefühle ohnehin schon bis zum Hals! Es war nie meine Absicht, es so weit kommen zu lassen. Es erschließt sich mir auch noch nicht der Grund, warum es so kam und nicht so, wie ich es mir erträumte!“

„Genau da hast du die Antwort: Träume! Die sind bekanntlich Schäume und führen nur zu Flausen im Kopf! Verabschiede dich davon, diese Menschen sind nicht länger tragbar! Die müssen weg, ehe wir alle miteinander noch draufgehen!“

(Da gibt es doch eine Randnotiz an mich, warum diese Menschen nicht weg sollen, aber die finde ich in all den Notizen gerade nicht. Was war doch gleich mein Gedanke dabei?)

„Ich verstehe dich ja Fichte! Aus dieser Sicht betrachtet erscheint deine Denkweise auch logisch. Aber die beträchtliche Entwicklung kannst du nur schwerlich verleugnen und zu etwas muss sie ja gut sein!“

„Das mag wohl stimmen, dennoch gingen sie nie sonderlich zimperlich mit ihrer Umwelt um, machen sie sich Untertan, so als ob der ganze Planet nur zu ihrer Verfügung und Belustigung entstanden wäre. Da muss ich schon ernsthaft fragen, ticken, oder tickten sie jemals richtig? Das ist nicht der Planet der Menschen, so sehr sie sich das auch einreden mögen!“

„Weißt du Fichte, auf diese berechtigten Einwände habe ich im Moment auch keine Antwort. So gesehen komme ich nicht umhin, dir recht zu geben und die Menschheit auszulöschen. Aber tief in meinem Hinterstübchen weiß ich, daß dies ein großer Fehler wäre.“

„Ich frage dich das jetzt wirklich ernsthaft, ohne Spitze oder Ironie, wo siehst du momentan den Nutzen der Menschheit, bezogen auf unser aller Wohl? Ich sehe da Keinen, bei aller Vorstellungskraft nicht!“

„Meine Reise nach dieser Frage hat gerade erst begonnen Fichte. Das ist unser aller Ziel, wie wir in Zukunft kooperieren anstatt uns anzufeinden. Sollte unsere Reise erfolgreich sein, wird sich dieses Rätsel lüften und wir werden in jedem Fall schlauer sein als zuvor. Im Falle, daß sich die Menschen wirklich nicht als würdig erweisen, so wie ich sie sehe, haben wir doch ziemlich schnell zu erweckende Kräfte im Ärmel, bevor sie weiteren Schaden anrichten. Bis dahin bitte ich dich, mich in meiner Suche zu unterstützen und die Nachricht meiner Bestrebung zu verbreiten, um ein möglichst optimales Bild der Sachlage zu erhalten.

Würdest du das für mich tun?“

„Das kann ich dir wohl schwerlich abschlagen, bist ja meine Vorgesetzte!“

„Geh geh geh, komm mir jetzt nicht so! Ich mag wohl etwas nachlässig gewesen sein, aber rachsüchtig bin ich doch nicht!“

„Ein wenig necken musste ich dich, damit das letzte bisschen Ärger verpufft, um dir versichern zu können, deiner Bitte nach bestem Wissen und Gewissen, nachzukommen.

Weißt du schon, wohin du als Nächstes willst?“

„Nach Süden natürlich! Wer will nicht nach Süden?“

Kräuter

Blumen sind die schönen Worte und Hieroglyphen der Natur, mit denen sie uns andeutet, wie lieb sie uns hat.

 

Johann Wolfgang v. Goethe