Wenn Wissenschaft auf Philosophie trifft

Dies ist eine neue Rubrik für Überlegungen, die nicht zum Kräuterwissen oder anderen Bereichen der Homepage passen, sondern sich redlich eine eigene Seite verdienen.

Wie passen alte Anwendungen und heutige Praxis zusammen und wie hilft die moderne Wissenschaft dabei, Erfahrung und neue Erkenntnisse in Einklang zu bringen?

Das sind die spannendsten Themen unserer Zeit und wenn ich kann, möchte ich wenigstens ein Sprachrohr, eine Art Übersetzerin sein.

Wie immer wünsche ich viel Spaß beim Lesen und möchte dabei stets nur eines, den Menschen wieder in die Natur einfügen, nicht physiologisch, sondern menschlich.

 

 

Die zweite Identität

 

Oder anders gesagt, die blinden Passagiere, die mein Leben maßgeblich mitbestimmen.

Unheimliche, winzige Lebewesen, die Eroberer der Welt, von denen wir so gut wie keine Ahnung haben.

Sie sind der Anfang und das Ende, sie sind flexibel, anpassungsfähig in kürzester Zeit, scheinbar dumm.

Sie sind hilfreich oder gefährlich, in jedem Fall aber existenziell. Der Anfang allen Lebens und darüber hinaus.

Es scheint, als wären sie die wahren Künstler des Lebens. Ziehen die Strippen im Puppentheater unseres Daseins, unser Schicksal.

Bakterien und andere Mikroorganismen.

Wir fürchten sie, könnten aber ohne gar nicht leben.

Das kommt daher, daß es für uns gute oder schlechte Bakterien gibt. Die allermeisten davon helfen uns, leben in uns und führen einen erbitterten Kampf gegen ihre bösen Gegenspieler.

Aber nicht aus Liebe zu uns, sondern aus reinem pragmatischen Egoismus heraus. Das kann man mit einem friedlichen Heim vergleichen, welches von räuberischen Banden überfallen wird.  Es liegt in der Natur der Dinge, im Wesen allen Lebens, daß das Feld nicht kampflos überlassen wird!

Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß wir Tag ein und aus ein Ökosystem durch die Welt schleppen. Unser Körper gehört uns nicht allein und selbst im luftleeren Raum sind wir in reger Gesellschaft. Es gibt für diese Vergesellschaftung auch einen Namen: Das Mikrobiom.

Diese scheinbar unsichtbaren Gesellen machen 2 bis 3 Kilogramm unseres Körpergewichts aus!

2 bis 3 Kilo tragen wir als Taxi unentwegt spazieren, ohne es eigentlich wirklich zu wissen.

Wer sich nun überlegt diese scheinbar unnötigen Kilos vom Leib zu schaffen, um der Waage ein Schnippchen zu schlagen, der muss leider enttäuscht werden. Denn ohne diesem Mikrobiom sind wir der „bösen“ Mikrobenwelt schutzlos ausgeliefert, wir wären nicht überlebensfähig.

Bereits beim geringsten Kontakt unseres Lebensbeginns außerhalb des Mutterleibs, werden wir bombardiert und besiedelt, wir können absolut nichts dagegen unternehmen, sind wehrlos. Alles um uns herum wartet wie ein hungriges Rudel Raubtiere auf diesen noch blinden Fleck in der Landschaft, um sich auf und in uns niederzulassen, auf und in uns zu leben.

Damit wir nicht sofort wieder den Löffel abgeben, kaum daß es begann, hat sich die Evolution, oder anders gesagt, der Lebenswille des Lebens selbst, natürlich den einen oder anderen Trick einfallen lassen.

Und das geht so:

Während sich das Baby durch den Geburtskanal quetscht, was für Mutter und Kind beiderseits sehr unerquicklich ist, muss das Baby natürlich durch die Scheide der Mutter. Und mit der ist nicht zu spaßen, sehr unwirtliche Bedingungen da unten! Die ist sozusagen immer sauer und sorgt dafür, daß kein ungebetener Gast zum Allerheiligsten des Lebens vordringt, nämlich der Gebärmutter. Nicht auszudenken wenn da ständig irgendwelche Ungusteln herumlümmeln und dem Heim zukünftiger Kinder irreparablen Schaden zufügen würden. Deshalb schaffen auch nur die schnellsten und zähesten Spermien den wirklich beschwerlichen Weg bis hin zum wartenden Ei in den Eileitern! Man muss sich das leckere Eis erst verdienen, aber dazu vielleicht ein anderes Mal.

Wir sind beim Baby auf halbem Weg durch die Scheide der Frau, hinaus in ein eigenes Leben, stehen geblieben. Und natürlich bei den uneingeladenen Gästen, die sich no na, ungebeten dazugesellen, nach 9 Monaten absoluter Zweisamkeit.

Was gegen Eindringlinge von außen funktioniert, bietet doch einen perfekten Schutz für das neu geborene Baby! Und so wird dieses vom Mikrobiom besiedelte Scheidenklima während jeder Presswehe, in der das Kind Welle für Welle in die Welt gespült wird, wie ein Schutzmantel um das Baby gewoben. Es ist wie ein Regenmantel, eine Rüstung für das Leben, das die Mutter dem Kind quasi umsonst mitgibt. Die perfekte Lösung: Niemand kommt rein und wer rausgeht, nimmt den Haussegen mit!

Ich weiß ja nicht wie es euch geht, aber ich finde das schon sehr genial, und rührend und überhaupt phantastisch, daß wir mittlerweile fähig sind, der Natur und ihren Kniffen ein wenig auf die Schliche kommen zu können.

Und wir stehen immer noch am Anfang, haben noch keine Ahnung welche Geniestreiche der Evolution wir noch entschlüsseln werden.

Fernab von menschlichem Geplänkel, liegt eine verborgene Welt vor uns, die wir noch nicht verstehen. Noch nicht.

 

Quellen:

Universität Wien

Bund fürs Leben, Charisius und Friebe

Hausverstand von mir, mitgegeben von Vorfahren

Kräuter

Blumen sind die schönen Worte und Hieroglyphen der Natur, mit denen sie uns andeutet, wie lieb sie uns hat.

 

Johann Wolfgang v. Goethe